Von Er- zu Be-ziehungsgedanken

Immer wieder werde ich von Menschen gefragt, für wen denn die Inhalte meines Blogs gedacht sind. Wer ist sozusagen mein „Gesprächsgegenüber“?

Ursprung
Klar, ich habe ihn „erziehungsgedanken.com“ genannt. Da geht man eigentlich davon aus, dass sich die Eintragungen primär um das Thema Kinder und Eltern drehen werden. Dies war auch mein ursprünglicher Gedanke – also meine Erfahrungen als Psychologin und zweifache Mama zu kombinieren und mit anderen zu teilen. In den meisten Texten und Themen auf meinem Blog ist das auch der Fall. Doch habe auch ich in den letzten Monaten eine Entwicklung gespürt und frage mich, ob nicht bei vielen Überlegungen auch noch ein anderer zentraler Aspekt durchschimmert: Das Thema „BE-ziehung“.

Entwicklung
Am Beginn des Blogs standen verschiedene Erziehungsthemen. Fragen, die uns als Eltern im Alltag begleiten. Situationen, die es sich selber zu erklären und zu bewältigen gibt. Je länger und intensiver  ich mich jedoch beruflich und privat mit dem Thema auseinandersetze, erscheint mir die Grenze „Erziehung – Beziehung“  immer fließender. Sind nicht wirklich viele Erziehungsthemen Beziehungsthemen? Wenn wir gemeinsam eine Situation diskutieren, stellen wir doch häufig fest, dass ein zentraler Aspekt darin besteht, mit dem Kind in Kontakt zu gehen, es ernst zu nehmen und mit ihm zu sprechen. Besteht ein Beziehungsabbruch zwischen Eltern und Kind, dann ist das nicht nur für die Entwicklung des Kindes verheerend. Es ist dann auch so, dass keine Erziehungsmaßnahmen mehr greifen.
Zwischendurch habe ich euch ja von Fortbildungen erzählt, die ich besucht habe, die im ersten Moment nicht vordergründig das Thema „Erziehung“ hatten. Und dennoch konnten wir für unser Thema Dinge ableiten.

Öffnung
Zurück zu unserer ursprünglichen Frage, für wen dieser Blog interessant sein könnte. Natürlich für Eltern oder ErzieherInnen, die sich täglich mit Kindern beschäftigen. Vielleicht auch für Großeltern, die ab und zu auf ihre Enkel aufpassen, oder möglicherweise hin und wieder eine Idee für ein Thema bekommen, das gerade für ihre Kinder zentral ist. Doch eigentlich für alle Menschen, die sich nicht nur mit Kindern, sondern allgemein mit den Menschen beschäftigen möchten. Und ich merke, dass es mir zunehmend ein Anliegen ist, diese Brücke zu schlagen. Denn ist nicht die Eltern-Kind-Beziehung ein Symbol dafür, wie wir Beziehung allgemein leben oder auch leben sollten?

Wenn zwei sich streiten

Wir haben hier auf dem Blog ja auch bereits verschiedene Aspekte zum Thema „Streit“ diskutiert wie zum Beispiel in „Was tun, wenn der Streit zu eskalieren droht?“ oder „Wenn nur eine Sache interessant ist…“. Letzthin habe ich während einer Autofahrt eine Diskussion darüber gehört, ob Eltern sich bei Geschwisterstreitigkeiten einmischen sollen oder nicht.

Alle Eltern kennen das: die Kinder spielen friedlich gemeinsam und innerhalb von Sekunden kippt die Stimmung und ein Streit entsteht. Sind wir als Eltern in der Nähe, entsteht oft ein innerer Impuls, zu den beiden Streithähnen hinzueilen und sich einzumischen.

Eingriff bei Schlagen, Beißen, Spucken
Bevor wir das tun, sollten wirr aber kurz innehalten und uns fragen, ob es wirklich günstig ist, in die Situation einzugreifen: Natürlich werden wir sofort reagieren, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt wie Schlagen, Beißen, Zwicken, Spucken oder ähnliches. Ist dies nicht der Fall, sollten wir uns überlegen, ob wir wirklich den Inhalt des Streites kennen. Oft ist es ja so, dass wir den Auslöser eigentlich gar nicht richtig mitbekommen haben und damit auch nicht wissen, wer eigentlich Recht und wer Unrecht hat. Werden dann die Kinder gefragt, erhält man ziemlich sicher zwei verschiedene Antworten 😉
Manchmal ist es auch so, dass wir automatisch davon ausgehen, dass das ältere Kind dem jüngeren etwas zuleide getan hat. Da setzt sich im ersten Impuls der Beschützerinstinkt durch.

Zurück zur Radiodiskussion
Ich denke, diese Frage kann somit mit „nein“ beantwortet werden. Eltern sollten sich nicht automatisch in Streitereien zwischen Kindern einmischen. Denn wie sollen Kinder lernen,  Diskussionen und Streitigkeiten konstruktiv auszutragen, wenn sofort ein Erwachsener sich einmischt und den Schiedsrichter spielt.

Eigene Erfahrung 😉
Nun sind wir aber hier auf diesem Blog ja ehrlich miteinander und gestehen uns die auch immer wieder erlebte Differenz zwischen Theorie und Praxis ein. Denn es ist nicht immer einfach, den Streitereien zwischen den Kindern teilnahmslos zuzuhören, sei es auf Grund der Lautstärke, der Wortwahl oder weil wir einfach die Angst haben, dass es doch eskalieren könnte.
Natürlich „passiert“ es auch mir ab und zu, dass ich mich einmische, das aber auch gleich bereue. Die absolut beste Reaktion, die ich bei meinen Kindern dann beobachte, ist nämlich, dass sie mich anschauen, dann sich gegenseitig anschauen und in diesem Blick nonverbal beschließen, dass die Auseinandersetzung zwischen ihnen abrupt endet und ich nun ihr gemeinsamer Gegner bin. Der Streit ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Sie nehmen sich solidarisch an der Hand und verlassen das „feindliche“ Umfeld 😉

Wenn das Christkind zweimal klingelt

Für die aktuelle Dezember-Ausgabe für das Österreich-Magazin der Zeitschrift „Eltern“ durfte ich einen Gastkommentar zum Thema „Weihnachten in Trennungsfamilien“  schreiben. Anbei für euch, die etwas längere Fassung des Kommentars 😉

Wie die „Herausforderung Weihnachten“ auf für getrennt lebende Paare mit gemeinsamen Kindern gelingen kann.

Der Gedanke ans Weihnachtsfest löst in den meisten Menschen wohlige Gefühle aus. Weihnachtliche Düfte steigen in die Nase, vor den Augen blinkt die Festbeleuchtung und in den Ohren tönen Lieder und Erzählungen der heiligen Familie.

Riesige Erwartungen – und ein schlechtes Gewissen
Für getrennt lebende Paare mit Kindern ist dieses Fest die größte aller Herausforderungen und emotional enorm aufwühlend. Auf der einen Seite steht die Freude auf das Fest und die ganz spezielle Stimmung, die einen über Wochen regelrecht fesselt. Auf der anderen Seite der gewaltige Druck, der uns von der Gesellschaft und vor allem der Werbeindustrie auferlegt wird, diesem ausgewiesenen Familienfest gerecht zu werden. Weihnachten, so heißt es, ist die friedlichste Zeit des Jahres – und so sollen alle schwelenden Konflikte zumindest für diese Zeit von den Kindern ferngehalten werden.

Organisation frühzeitig in Angriff nehmen
So stehen Eltern vor der Aufgabe, diese besonderen Tage so zu planen, dass sie für alle Beteiligten konfliktfrei und angenehm werden. Nach einer Trennung sind die Eltern gefordert, persönliche Befindlichkeiten hintanzustellen und miteinander das Beste für die Kinder heraus zu arbeiten und immer wieder neu zu besprechen.

Wichtig ist hier schon der Zeitpunkt der Planung. So wie uns in vielen Märkten oft schon Mitte Oktober die ersten Weihnachtsstände begrüßen, tun Eltern gut daran, bereits frühzeitig die Organisation der Feiertage in Angriff zu nehmen, denn vielfach gleicht diese auch bei aktiver Beziehung einer Mammutaufgabe – damit alle Verpflichtungen unter einen Hut gebracht werden können.

Zuerst über die eigenen Wünsche klar werden
Welchen Feiertag verbringen die Kinder nun wo? Und wie lange? Für Eltern, die nach einer Trennung in diesem Jahr zum ersten Mal vor der Planung des Weihnachtsfestes stehen, ist es neben dem frühzeitigen Start ratsam, zunächst getrennt voneinander die eigenen Wünsche zu sammeln und in Folge miteinander zu diskutieren. Die Wünsche der Kinder sollten in diesen Gesprächen tunlichst mitberücksichtigt werden.

Freilich können nicht immer alle diese Wünsche zufriedenstellend erfüllt werden. Eine mögliche Vorgehensweise wäre es dann, die Besuchstage für jedes Jahr abwechselnd festzulegen. Mit dieser Lösung können auch die alljährlichen Diskussionen verhindert werden. Dies ermöglicht es den Familien, sich wieder auf das Wesen des Weihnachtsfestes zu konzentrieren und sich dem Zauber hinzugeben.

Das „Phasenkind“

„Dein Kind steckt nur in einer Phase!“ Als Eltern begleitet uns dieser Satz ständig. Gut. Eigentlich begleitet er alle Menschen durch ihr Leben. Bei Kindern neigen wir dazu, für ihr Verhalten stets eine Erklärung zu suchen: dein Kind ist in einer Phase der Trennungsangst, in einer Phase der Wutanfälle, in einer Trotzphase, in einer Phase des Wachstumsschubes oder in einer Phase der Wetterfühligkeit…

Seid ihr auch Phasenkind-Eltern?
Also als Eltern von zwei Kindern haben wir den Eindruck, dass wir das ständig sind. Verhalten sich Kinder nicht so, wie die Umgebung sich das wünscht, dann stecken sie sofort in einer Phase. Wobei auffallend ist, dass erwünschtes Verhalten eigentlich nie auf eine Phase zurückzuführen ist…
Die Phasensuche beginnt schon recht früh im Leben eines Menschen. Es gibt zum Beispiel Säuglinge, die nach Rückmeldung ihrer Umgebung jahrelang und ständig Zähne bekommen. Denn dieses Ereignis wird bei ihnen gerne als Erklärung für eine Vielzahl an Dingen verwendet – wenn die Bäckchen einmal röter sind, wenn der Speichelfluss stärker ist, wenn sie kränklich sind, wenn sie nicht essen wollen, wenn sie häufig weinen usw… Dabei kann alles doch eigentlich ganz unterschiedliche Ursachen haben.

Vorurteil
Das Leben besteht ganz unbestritten aus Phase und ist ständig in Bewegung. Das schnelle Einordnen des Verhaltens eines Kindes kann manchmal hilfreich sein. Denn es tröstet die Eltern im Moment mit der Aussage, dass alles vorübergehen wird. Gleichzeitig aber bewirkt es, dass ein Kind in ein Muster gepresst wird und sowohl seine Individualität, als auch die aktuellen situativen Bedingungen übersehen werden.

Phasen-Eltern
Denken sich unsere Kinder eigentlich auch, dass sie „Phasen-Eltern“ haben? Schließlich verhalten wir uns in ihren Augen manchmal auch völlig unsinnig und schwierig, wenn wir ihnen zum Beispiel Dinge verbieten.  Wahrscheinlich schon, denn sie versuchen es am nächsten Tag ohnehin wieder! 😉

Dankeschön!

Das ist eigentlich das zentrale Wort, das meinen Beitrag heute begleiten soll.
Ich möchte allen Eltern endlich wieder einmal einen großen Dank aussprechen. Dafür, dass sie sich der Aufgabe der Kindererziehung widmen. Dafür, dass sie sich Gedanken machen, wie sie ihrem Kind eine gute Kindheit ermöglichen können.

Es ist mir ein großes Bedürfnis, das heute zu tun. Denn im Alltag gewinne ich immer wieder den Eindruck, dass Eltern nur auf ihre Fehler oder Versäumnisse hingewiesen werden. Nie gibt es ein Lob dafür, dass so viel Zeit und Energie in die Kindererziehung investiert wird. Dass eigene Bedürfnisse hinten angestellt werden, wenn sie denen des Kindes im Wege sind. Eltern werden nur dann in die Kindergärten und Schulen zitiert, wenn etwas Negatives passiert ist, wenn das Kind sich irgendwie nicht korrekt verhalten hat. Doch eigentlich nie, um einfach einmal als Eltern gelobt zu werden, einfach dafür, dass sie für ihre Kinder da sind.

Dabei wäre das so wichtig! Schließlich gibt es zahlreiche Bücher und Workshops zu den Themen, wie ein Unternehmen mit seinen Mitarbeitern umgehen soll. Dass Lob wichtig ist. Wieso gilt das nicht für Eltern? Sie üben nicht nur einen anstrengenden, sondern einen der wichtigsten Berufe aus.

Also: Euch allen ein großes Dankeschön, dass ihr euch so um eure Kinder kümmert. Und euch unter anderem auch für sie die Zeit nehmt, meinen Blog zu lesen und so mit mir und anderen Eltern eure Gedanken darüber austauscht, was wir für unsere Kinder Gutes tun können.
Und vielleicht tragen wir alle diesen heutigen Gedanken mit in unsere Umgebung und sprechen dort anderen Eltern einen Dank und ein Lob  aus, einfach dafür, dass sie tolle Eltern sind!

DANKE!

Der? Die? Das? Wer? Wie? Was?

Mit dem Umgang von Kinder-Fragen zu nicht immer einfachen Themen, wie zum Beispiel auch dem Tod, durfte ich mich in meinem aktuellen Beitrag in der Kirchenzeitung beschäftigen.

Hier geht es zum ganzen Artikel.

An Erwartungen kann man ersticken

Vor einiger Zeit war ich auf einer Tagung zum Thema „Paarberatung“.
Gut: Das ist nun nicht unsere Hauptthema auf diesem Blog – auch wenn es eigentlich beim Thema Erziehung nicht unerheblich ist. Denn spielt nicht auch die Beziehung zwischen den Eltern eine Rolle darin, wie Erziehung gelingen kann?
Ich will mich heute aber nicht in diese Richtung gedanklich verlieren. Das nehmen wir vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf. Ich wollte dieses Mal auf eine andere, für mich sehr spannende Parallele eingehen.

Ich wünschte…
Ein Punkt, der bei dieser Tagung erwähnt wurde, der immer wieder zu großen Problemen in der Paarbeziehung führt, sind Erwartungen, die man an seinen Partner stellt. Sie werden vielleicht aus vergangenen Erfahrungen genährt, aus Büchern, aus Filmen oder aus Erzählungen von Freunden. Diese Erwartungen haben jedoch oft gar nichts mit der Realität zu tun und schon gar nicht mit dem Partner selber. Sie sind häufig überzogen und ihr Nicht-Erfüllen führt zu Enttäuschungen.
Dieses Phänomen können wir auch auf die Eltern-Kind-Beziehung übertragen.

Würdest du doch…
Als Eltern haben wir Erwartungen an unser Kind, wie es zu sein und sich zu verhalten hat, wie gut es in der Schule sein muss und welche Interessen es haben muss. Werden diese Erwartungen vom Kind nicht erfüllt, sind Eltern enttäuscht und lassen das ihr Kind oft auch spüren. Nun kann diese Enttäuschung in zwei Richtungen übertragen werden.
Entweder hadern sie mit ihren eigenen Fähigkeiten als Eltern, oder sie projizieren ihre Enttäuschung auf das Kind.
Im ersten Fall fragen sie sich, wieso sie es nicht geschafft haben, dass das Kind ihre Erwartungen erfüllt, die sie sich doch während der ganzen Schwangerschaft oder vielleicht sogar schon davor ausgemalt haben. Schließlich erzählen doch alle, dass ihre Kinder dies und jenes schon können. Oder dass ein Kind von klein an offen auf andere Kinder und deren Eltern zugeht und sich nicht schüchtern hinter dem Bein der eigenen Mutter versteckt. Oder dass ihre Tochter freudig am Morgen in die Spielgruppe rennt und nicht zögernd in der Türe stehen bleibt.
Für die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung sind die Auswirkungen noch gravierender, wenn sie dem Kind selber die „Schuld“ daran geben, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Das Kind hat versagt, sodass die Eltern nun mit der „Schmach“ und „Enttäuschung“ leben müssen.

Es ist gut so…
In einer Paarberatung besteht eine Aufgabe darin, sich von den vergangenen Erwartungen an seinen Partner zu distanzieren. Das jedoch nicht auf Grund von Resignation. Ein richtiges Kennenlernen eines anderen Menschen ist nur möglich, wenn ich ihm zunächst voller Neugier auf seine eigene Persönlichkeit begegne, ohne dass diese eben von Erwartungen überdeckt wird. Genau das gleiche gilt für ein Kind. Seiner Persönlichkeit, seinen Eigenschaften den Raum zur Entfaltung zu geben, ohne dass wir diese gleich durch Erwartungen ersticken. Das ist zentrale Aufgabe des Elternseins. Schließlich begegnet es uns Eltern doch auch mit unvoreingenommener Liebe und Neugierde.