„Mama – bist du noch meine Freundin?“

In der Eltern-Kind-Beziehung kommt es selbstverständlich auch immer wieder zu Auseinandersetzungen. Eltern haben ihre Vorstellungen, die nicht immer mit jenen ihrer Kinder übereinstimmen. So entstehen Konflikte darüber, wie nun mit diesen Regeln umgegangen wird.
Ich möchte mich heute nicht dem Inhalt von Regeln oder Konflikten widmen, sondern mehr der Frage, wie Eltern versuchen ihre Regeln, ihre Werte und Einstellungen durchzusetzen. Wie werden solche Konflikte ausgetragen?

Konfliktgestaltung
Dabei spielen nicht nur Sprache und Umgangston eine große Rolle. Für Kinder gibt es einen ganz zentralen Punkt: Völlig egal, ob sie ihren Willen durchsetzen oder nicht – das Wichtigste für sie ist, dass es zu keinem Beziehungsabbruch kommt. Sie müssen jederzeit spüren, dass ihre Eltern sie trotzdem lieben, dass die Beziehung den Konflikt auf jeden Fall aushält.

Frage nach Beziehungsstatus
Eine Freundin hat mir vor einiger Zeit eine Beobachtung in diesem Zusammenhang erzählt: Wenn sie mit ihren Kindern schimpft, wenn es in einem Konflikt manchmal etwas lauter wird, kommt am Ende stets die gleiche Frage der Kinder: „Bist du noch meine Freundin?“
Es ist der Weg der Kinder, sicher zu stellen, dass die Beziehung stabil ist, dass ihre Mutter noch da ist, auch wenn sie davor unzufrieden mit ihnen war.

Pro Konfliktaustragung
Konflikte, Auseinandersetzungen sind in allen Beziehungen zu finden – zwischen Menschen, so auch zwischen Tieren, zwischen Erwachsenen, als auch Kindern. Wir alle sind unterschiedliche Persönlichkeiten, die unterschiedliche Meinungen und Ansichten haben. Diese müssen für ein Zusammenleben in einen Kompromiss gebracht werden. Dafür wiederum müssen sie angesprochen und besprochen und dürfen auf keinen Fall ignoriert werden.

In einem Konflikt zu zeigen, dass es die Sache ist, die zu Unstimmigkeiten führt und nicht die Person des Kindes muss dabei aber immer im Hinterkopf behalten und nach außen hin gelebt werden.

Denn schließlich wollen wir als Eltern ja auch die „Freunde“ unserer Kinder sein! 😊

Auch mit Kindern sind wir ein Paar!

Heute möchte ich mich einer Frage widmen, die zwar nicht direkt mit Erziehung zu tun hat, aber dennoch passt. So ein kurzer Gedankenschwenker ist sicher erlaubt, oder?!

Wer ist euer Smartphone-Hintergrund?
Folgt ihr mir zu einem kurzen Fragespiel?
Also: Wenn ihr auf eure Smartphones schaut, wen seht ihr auf eurem Bildschirm? Ich traue ich zu wetten, dass die Antwort der meisten von euch „meine Kinder“ lauten wird. Noch eine andere Frage: Bevor ihr Kinder bekommen habt, wer erschien da auf eurem Bildschirm? Die Antwort hier lautet im Großteil der Fälle: „Von meinem Mann/Freund oder von meiner Frau/Freundin.“
Somit wäre meine letzte Frage: Wohin ist denn euer Partner/eure Partnerin verschwunden? Nicht bei euch allen sind die Partner real aus dem Leben verschwunden, doch sie geraten in den Hintergrund. Und das oft im wahrsten Sinne des Wortes.

Veränderungen
Kinder verändern das Leben eines Paares in vielerlei Hinsicht. Es kommt ein neues Mitglied in die Familie, das Aufmerksamkeit braucht. Es gibt mehr organisatorische Dinge, die besprochen werden müssen. Manche von euch haben vielleicht ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft, sodass finanzielle Dinge geklärt und organisiert werden müssen. Oft gerät in dieser Phase des Lebens die Pflege der eigenen Partnerschaft in den Hintergrund. Es heißt „haushalten“ mit der eigenen Energie, die irgendwann auch ein Ende hat. Die Paare verlieren sich als Mann und Frau aus den Augen und sind primär Mutter und Vater. Die Zeit zu zweit wird weniger, die Müdigkeit am Ende des Tages größer. Auch die Gesprächsthemen drehen sich mehr um das Kind und alles, was dazu gehört. So verschwindet der Partner zunehmend von den Bildern.

Achtsamkeit
Wie in so vielen Bereichen des Lebens und speziell der Familie ist hier „Achtsamkeit“ das Zauberwort. Paarleben ist für sich eine Herausforderung und keine Selbstverständlichkeit. Es braucht Sorge und Aufmerksamkeit. So wird es eine noch größere Herausforderung, trotz Kind noch Paar zu bleiben und das Paar auch zu leben. Oder sagen wir besser „mit“ Kindern Paar zu sein, denn es soll nicht in Konkurrenz gestellt werden. Vielmehr geht es um ein Bewusstmachen in der Zeit, in der man zu zweit ist: beispielsweise abends nicht mehr über die Kinder zu sprechen, sondern über die eigenen Bedürfnisse, die eigenen Gefühle – oder auch einfach nur gemeinsam auf der Couch sitzen und ein Glas Wein genießen.

Der stets begleitende innere Konflikt

Seit unsere Tochter zwei Jahre alt ist, bin ich wieder aus der Karenz zurück in der „anderen“ Arbeitswelt.

Der zögerliche Weg „hinaus“
Insgesamt war ich 4 Jahre zu Hause, habe also die gesamte Karenz ausgeschöpft. Zwar zwischendurch mit kleineren beruflichen Aufgaben, aber im Großen und Ganzen Vollzeitmutter und Hausfrau. Da ich meinen Beruf sehr gerne mag, habe ich aber auch gemerkt, dass ich wieder arbeiten gehen möchte. Natürlich in einem Ausmaß, dass es sich lohnt, arbeiten zu gehen, aber gleichzeitig auch so, dass die Kinder nicht zu sehr außerhäuslich betreut werden.
Gemeinsam mit meinem Mann haben wir dann einen Plan erstellt, wie wir das handhaben können. Wir wollten möglichst gut organisiert sein und verschiedene Eventualitäten gleich mitdenken, sodass die Kinder auch nicht zu sehr auf ihre Eltern verzichten müssen. Außerdem war uns wichtig, dass wir nicht dauernd nur gestresst sind.
Wir haben das alles in der Theorie gut durchgeplant und nach einem Jahr der praktischen Umsetzung muss ich sagen: Es läuft ganz gut…

… Und doch…
Und doch sind sowohl mein Mann als auch ich nicht vor einem manchmal auftretenden schlechten Gewissen gefeit: zum Beispiel dann, wenn wir die Kinder am Wochenende mit Husten gepflegt haben und dann am Montag entscheiden müssen, sie zwar mit guter Laune, aber doch noch ab und zu hustend in die Spielgruppe oder in den Kindergarten zu schicken. Oder, wenn wir die beiden am Morgen aufgrund unerwarteter Zusatztermine etwas antreiben müssen.

Das Gewissen…
Mein „liebstes“ „schlechtes Gewissen-Beispiel“ ist folgendes, euch allen wahrscheinlich bekanntes, Erlebnis:
Ich bringe meine Tochter am Morgen in die Spielgruppe. Wir versuchen alle früh genug aufzustehen, damit wir keinen Stress bekommen und die Atmosphäre am Morgen noch eher gemütlich ist. Dann stehen wir zwei nun in der Spielgruppe, wir plaudern und ich ziehe sie um. Doch, sobald wir an der Schwelle zum Spielraum stehen, beginnt sie zu weinen. Da die Zeit aber drängt, weil wir uns davor schon Zeit gelassen haben und ihre Lieblingsbetreuerin mit offenen Armen bereitsteht, gebe ich sie eben doch mit diesem beklemmenden Gefühl im Herzen ab. Dann weiterflitzen, den Sohn noch in den Kindergarten bringen und ab zu meinen Klienten. Den ganzen Vormittag will mich aber dieses Gefühl nicht loslassen und ich sehe zu, dass ich möglichst überpünktlich wieder in der Spielgruppe erscheine, da ich ja davon ausgehe, dass meine Tochter sehnsüchtig auf mich wartet. Und was passiert?! Sie beachtet mich gar nicht, als ich auftauche. Zudem höre ich, dass sie am Morgen, sobald ich die Tür hinter mir geschlossen habe, aufgehört hat zu weinen, sich zu den anderen Kindern gesetzt und fröhlich gespielt hat.

Bekannt und doch schwer
Ihr alle, die ihr arbeitende Eltern seid, kennt solche Szenen, kennt das schlechte Gewissen, das einen in den Zeiten im Büro manchmal begleitet. Wir tendieren dann dazu, nicht nur die vielen Stunden zu übersehen, die wir nach der Arbeit, dem Kindergarten und der Spielgruppe mit unseren Kindern verbringen – sondern auch, dass Kindern der Abschied von ihren Eltern nun einmal manchmal schwerfällt, sie sich aber trotzdem in der Unterbringung wohl fühlen. Schließlich suchen die Eltern diese ja davor mit viel Sensibilität und Blick auf das Kind aus. Außerdem wollen wir auch irgendwie nicht das Gefühl bekommen, unsere Kinder wären froh, uns los zu sein, oder?!

Erziehung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Regelmäßige Fortbildungen sind für mich sehr wichtig, sowohl als Psychologin als auch als Mutter. Sie helfen mir mein Fachwissen aufzufrischen und zu aktualisieren und damit für meine Klienten und Klientinnen ein kompetentes Gegenüber zu sein. Je nach Thema sind sie jedoch auch für mein Leben als Mutter von großer Bedeutung.

Feinfühligkeit ist wichtig
Am vergangenen Wochenende habe ich einen Kongress zum Thema „Bindung und Persönlichkeit bei Kindern und Jugendlichen“ besucht. Wie ihr schon beobachten konntet, ein Thema, das mich aktuell sehr intensiv begleitet.

Eine der Referentinnen hat in ihrem Vortrag unter anderem wieder darüber gesprochen, dass die elterliche Feinfühligkeit für die Entwicklung einer sicheren Bindung von großer Bedeutung ist. Auch wir haben auf meinem Blog schon darüber diskutiert. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass hinter dieser Aussage schon ein ungeheurer Druck auf uns als Eltern lastet.

Nicht immer klappt alles
Denn kennt ihr das auch? Ihr habt so eure Werte im Kopf, eure Leitsätze und Vorhaben, wie ihr mit euren Kindern umgehen und sie begleiten möchtet. Dann blickt ihr am Ende eines Tages jedoch auf die letzten Stunden zurück und erkennt, dass ihr nicht in jeder – meist sind es die konflikthaften – Situation so reagiert habt, wie ihr euch das in der Theorie gewünscht habt. Manchmal wurdet ihr vielleicht lauter, als ihr euch das vorstellt, oder manchmal habt ihr auch nicht in der Geschwindigkeit auf die Bedürfnisse eures Kindes reagiert, wie es euer eigener Anspruch an euch verlangt.

„Reparierende Feinfühligkeit“
Für mich ist das immer wieder ein Knackpunkt: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis und die Erlaubnis, dass es Zeiten gibt, in denen hier eben ein Unterschied besteht und bestehen darf. Nicht jeder Tag ist gleich. Nicht immer haben wir als Eltern die gleichen Kräfte, die gleichen Nerven. Es gibt so viele verschiedene Faktoren, die mitspielen und mitbeeinflussen, dass wir nicht immer optimal reagieren können. Aber wir reagieren so, wie es in diesem Moment eben möglich ist.

Die oben angeführte Referentin hat in ihrem Vortrag dann noch einen erleichternden Zusatz gemacht, den ich auch euch gerne auf den Weg mitgeben möchte. Sie meinte nämlich eben auch, dass ein Tag aus Aufs und Abs besteht und dass wir nicht immer vollkommen feinfühlig reagieren können. Sie meint, dass sowohl die sehr hohe als auch die sehr niedere Feinfühligkeit für die Einwicklung kontraproduktiv sind. Vielmehr betont sie die Wichtigkeit einer „reparierenden Feinfühligkeit“: Wenn es in der Beziehung zum Kind zu Missverständnissen gekommen ist oder auch die Kommunikation nicht optimal war, dann ist Feinfühligkeit der Eltern wichtig.

Das ist befreiend
Genau darum finde ich Fortbildungen für mich so wichtig: Sie helfen mir, meinen eigenen Alltag als Mutter und als Fachperson in einem neuen Licht zu betrachten und stets in Bewegung zu bleiben. Sie befreien mich manchmal auch von selbstauferlegten Druck oder dem Anspruch von Perfektion.

Zudem ermöglichen sie mir, dieses Wissen mit euch zu teilen ;-).

Kindliche Ängste: 2 Krisensituationen gewaltfrei und respektvoll lösen

Ein Gastbeitrag der Kinderbuchautorin Sandra Schindler

Ängste begleiten uns unser Leben lang. Von einigen Ausnahme-Menschen einmal abgesehen. Byron Katie zum Beispiel schreibt in ihrem Buch „A Thousand Names for Joy“, dass sie nicht einmal dann Angst empfindet, wenn ein gereizter Mann mit Pistole vor ihr herumfuchtelt und droht, sie umzubringen. Das glaube ich ihr sogar.

Doch für uns Normalsterbliche gehört Angst einfach dazu.

Warum neigen wir Eltern dazu, Angst nicht nur zu verdrängen, sondern versuchen sogar, sie unseren Kindern abzusprechen? Noch immer werden viel zu viele Kinder dazu erzogen, mutig und tapfer sein zu müssen.

Nur weil ein paar bindungsorientierte Mamas innerlich schreiend davonlaufen, wenn mal wieder der Satz „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ fällt, heißt das nicht, dass er deshalb in der „normalen“ Welt da draußen weniger gängig ist.

Anderes Beispiel: „Ach, da brauchst du doch keine Angst zu haben, das ist doch nur ein böser Traum gewesen!“ Ja, mag ja sein, aber Fakt ist: Das Kind hatte offensichtlich Angst vor dem Traum, sonst wäre es nicht schreiend aufgewacht und hätte sich an dich geklammert, in der Hoffnung, dass du ihm Halt gibst.

Wenn ein Kind in einer Angstsituation hört, dass sein Empfinden falsch ist, dass es ja diese Angst gar nicht zu haben braucht, sie bisweilen nicht einmal haben darf … das verunsichert.

Wir haben hier nicht selten das Thema Splitter. Immer wieder suchen sich die winzigen Holzstückchen ausgerechnet die Haut meiner Kinder aus, um sich darin einzunisten. Splitter tun weh. Aber das Rausmachen auch. Zumindest manchmal. Blöd nur: Das Kind merkt sich in der Regel nicht, wenn das „Entsplittern“ schmerzfrei vonstattenging, sondern nur, wenn es sich als schwieriger erwiesen hat als ursprünglich gedacht. Machen wir auch nicht anders, oder?

Ich hab heute noch eine Spritzenphobie, weil mir ein Mal eine Krankenschwester beim Blutabnehmen extrem wehgetan hat. All die Male danach, die nicht schlimm waren, die kompensieren noch immer nicht diesen Horror von damals, weil meine Angst in dem Fall viel stärker ist als meine Vernunft.

Ich sterbe nicht, wenn ich den Eingriff in meine Intimsphäre, diese schreckliche Blutabnehmerei, verweigere. Ich leide vielleicht nur ein wenig mehr, anstatt mir durch diesen kurzen, vielleicht schmerzhaften, vielleicht nicht schmerzhaften Eingriff das Leben zu erleichtern. Aber ich bin diejenige, die entscheidet, ob sie diesen Eingriff zulässt – oder eben nicht.

Genau das Gleiche gestehe ich auch meinen Kindern zu. Wir haben den Deal: Wenn etwas lebensbedrohlich ist, dann gibt es keine Diskussion. Aber in der Regel ist es das nicht. In der Regel geht es nämlich hier gar nicht so sehr um die Ängste der Kinder, sondern um die von mir als Mama.

Warum möchte ich den Splitter denn unbedingt entfernen? Weil ich Angst habe, dass mein Kind länger leidet, als nötig wäre. Und weil ich Angst habe, dass sich der Splitter entzünden könnte, dass sich also die jetzige Situation verschlimmert. Nur: In dem Moment lebe ich nicht im Hier und Jetzt, sondern mache mir Gedanken über Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind, ja, aller Voraussicht nach auch nie eintreten werden.

Neulich hatten wir wieder Splitteralarm. Ich sah mir das Ding an und erkannte, dass ich nicht einmal eine Pinzette brauchen würde, um es zu entfernen.

Dennoch: Meine Tochter ließ mich nicht ran. Alles gute Zureden half nichts. Und unter gutem Zureden verstehe ich nicht, ihr die Angst auszureden, sondern das Gegenteil: Ihr die Angst zuzugestehen und ihr das Gefühl zu vermitteln, dass ich sie verstehen kann und dass ich weiß, was in ihr vorgeht, weil ich genau das auch schon erlebt habe. Ich fühle mit ihr.

Manchmal ist die Angst des Kindes aber so groß, da nutzt jedes Mitgefühl nichts. Also mache ich mental einen Schritt zurück, akzeptiere meine eigene Angst sowie die des Kindes und sage: „Okay. Mein Angebot steht: Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Wenn du bereit bist, den Splitter rausmachen zu lassen, dann kommst du zu mir. Und wenn du nicht bereit bist, dann lassen wir ihn eben drin.“

Es dauerte eine ganze Weile. Mini brauchte Zeit. Zeit, um zu fühlen, dass der Schmerz doch unangenehm war. Dass der Splitter sie am Spielen hinderte. Zeit zu erkennen, dass ein potenzieller kurzer Schmerz beim Entfernen des Holzfitzels vielleicht doch das geringere Übel wäre. Und schließlich die Zeit, den Mut zu sammeln, um das Experiment zu wagen, genau diese Erkenntnis zu überprüfen.

Das Ende der Geschichte war: Mini kam irgendwann mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu mir, sagte: „Ich bin bereit!“, streckte mir die Hand entgegen – und ich entfernte den Splitter, ohne dass es ihr wehtat.

Ich weiß, dass Eltern nur das Beste wollen. Und manchmal erscheint einem eine kurze Übergriffigkeit als das kleinere Übel. Aber ist sie das wirklich?

Ich erinnere mich an eine andere Szene, die mein Handeln für immer beeinflusst hat. Ich versuchte, meiner anderen Tochter Augentropfen zu verabreichen. Es war ein schlimmer, schlimmer Machtkampf. Ich handelte aus Angst: Der Angst, dass diese Augenentzündung so übel enden könnte, wie man sich das eben in den schlimmsten Fällen ausmalen konnte. Davor wollte ich meine Tochter bewahren. Aber die Tropfen taten ihr weh, das wusste sie aus Erfahrung. Sie konnte es nicht mehr ertragen.

Hätte ich ihr die Tropfen mit Gewalt verabreicht, ich bin mir sicher, diese Szene hätte sich für immer in ihre Seele eingebrannt. Ich möchte jedoch ein Miteinander, eine auf Liebe, nicht auf Angst basierende Beziehung.

Also entschied ich, das mit dem Antibiotikum einfach zu lassen. Zumal ich ohnehin unsicher war: Eine Augenentzündung kommt zu 50 % von Viren, zu 50 % von Bakterien, aber nur gegen die Bakterien kann ein Antibiotikum überhaupt etwas ausrichten. Was, wenn nun Viren die Entzündung verschuldet hatten und ich mein Kind umsonst mit den Tropfen quälte? Dafür wollte ich nicht verantwortlich sein, diese Schuld wollte ich mir nicht aufladen.

Wir beschlossen abzuwarten – und meine Tochter versprach mir, wenn es schlimmer würde, wenn es wirklich und definitiv hart auf hart käme, würde sie die Tropfen nehmen. Aber es wurde nicht schlimmer. Es wurde besser. Und unsere Beziehung wurde auch besser, denn es war der Beginn einer neuen Ära.

Es ist niemals okay, einen Menschen zu etwas zwingen zu wollen, nur weil man selbst meint, die Situation besser zu durchschauen, weil dem Kind ja die Erfahrung und die Weitsicht fehlt.

Ist das wirklich wahr? Wenn man ehrlich ist, nicht. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Kinder oftmals viel weitsichtiger sind als Erwachsene, weil sie viel stärker auf ihre Intuition hören.

Abgesehen davon: Jeder Mensch lebt immer in seiner eigenen, subjektiven Blase. Aber kann ich aus einer solch eingeschränkten Weltsicht wirklich sicher sein, dass das, was ich tue, richtig ist? Nein, kann ich nicht, besonders dann, wenn es gar nicht um mich geht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte niemanden verurteilen. Jeder kommt – gerade in der Kindererziehung – immer wieder in Situationen, in denen er auf die Probe gestellt wird. Und nicht selten verhalten wir uns falsch. Zumindest sehen wir das später so. Ich glaube aber, es gibt kein Falsch. Es gibt nur ein Lernen aus Fehlern. Und solange die Kinder in den Lernprozess eingebunden werden, ist das in Ordnung. Kinder können verzeihen. Oft viel besser als Erwachsene.

Wichtig finde ich, stets das eigene Handeln zu hinterfragen. Und die eigenen Ängste ebenso zu akzeptiere wie die der Kinder. Wenn sich daraus ein Konflikt ergibt, tut der Erwachsene gut daran, die eigenen Ängste zuerst zu hinterfragen, um überhaupt in der Lage zu sein, die Ängste der Kinder wirklich verstehen und akzeptieren zu können. Erst dann kann man handeln. Zum Beispiel, indem man erklärt, wie man eine Situation empfindet, was man deshalb tun würde und warum.

Dann braucht das Kind Zeit. Zeit, um sich selbst über seine Ängste klarzuwerden. Und um als eigenständiger Mensch zu entscheiden, wie es mit diesen Ängsten umgehen möchte. Wenn es mich als Mama zur Bewältigung seiner Ängste braucht, bin ich da, um zu helfen. Das ist das Beste, was ich tun kann, damit meine Kinder eigenverantwortliche, respektvolle Menschen bleiben, die ihre Fähigkeit, Empathie und vor allem Liebe zu empfinden, nicht nur behalten, sondern sie auch an andere weitergeben können.


Sandra Schindler schreibt bedürfnisorientierte Kinderbücher jenseits des Mainstream. Im Herbst 2017 erschien ihr neustes Buch, „Flim Pinguin im Kindergarten
, ein Kinderbuch, das Kindergartenneulingen die Trennungsangst nehmen und ihnen die Anfangszeit erleichtern soll.

Auf ihrem Blog schreibt Sandra über ihr Leben als alternative Mutter, sammelt Bericht über Eingewöhnungen aus aller Welt, interviewt spannende Menschen aus der Buchbranche und darüber hinaus und stellt Kinderbücher sowie einige ihrer (veganen) Lieblingsrezepte vor.

Die Angst muss erlaubt sein

Dürfen Kinder Ängste haben oder müssen sie sich diesen schnellmöglich stellen und sie überwinden?

Manche von euch nicken vielleicht gleich und sagen sich, natürlich haben sie Ängste und nein, sie sollen sich Zeit nehmen. Das Leben hat seine unheimlichen Seiten, die Angst machen und das ist erlaubt. Andere von euch wiederum vertreten vielleicht die Ansicht, dass Kinder sich ihren Ängsten stellen sollen, dass sie nicht davonlaufen sollen, weil sie sonst zu „Angsthasen“ werden.

Noch immer unheimlich…
Vor einem Jahr, an gleicher Stelle, hatte ich das Thema schon einmal in Hinblick auf den Fasching/Karneval – und ich muss ehrlich sagen, es lässt mich auch heuer wieder nicht los. Am vergangenen Wochenende war wieder der erste große Umzug im Lande. Direkt neben uns konnte ich dabei eine Familie mit zwei Kindern beobachten. Diese Beobachtung und meine Gedanken dazu möchte ich gerne mit euch teilen.

Eines der beiden Kinder – zwei Jungs – stand am Straßenrand und sammelte eifrig Süßigkeiten. Der andere Bub wurde von seinem Vater auf dem Arm getragen. Beide waren in etwa im Kindergartenalter.

Wer erlaubt den Rückzug?
Und wie es – leider immer noch – so ist bei den Umzügen, gibt es nicht nur die fröhlichen, lustigen Gestalten, sondern auch die gruseligen, die mit Absicht Leute erschrecken. Sie tragen Masken, sodass man nicht erkennen kann, wer darunter verborgen ist. Für kleine Kinder ist zunächst nicht einmal begreifbar, dass es sich hier um Menschen handelt.

Nun konnte ich beobachten, dass sich eine Gruppe solcher Gestalten dieser Familie nähert und das fand ich dann sehr interessant: Der Junge, der selber entscheiden konnte, ob er stehen bleibt oder sich ein wenig zurückzieht, wählte den Rückzug. Man konnte ihm ansehen, dass diese Figuren ihm unheimlich sind und er nicht so nahe an ihnen dran sein möchte. Der andere, der auf dem Arm des Vaters war, hatte keine Chance. Er drehte sich zwar weg und versuchte „abzutauchen“, aber sein Vater blieb stehen.
Und wie es so ist, stürmte dann tatsächlich eine dieser Schreckgestalten auf das Kind zu. (Ist mir übrigens unverständlich, wie sich hier ein erwachsener Mensch ein Kleinkind zum Erschrecken aussuchen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Auf jeden Fall bewegte sich der Vater nicht von der Stelle, weil er entweder die Furcht bei seinem Kind nicht wahrgenommen hatte, oder wollte, dass es sich der Angst stellt. Das Kind hatte keine Chance, die Situation zu verlassen und begann zu weinen. Nun muss ich gerechterweise dem Verkleideten noch ein Lob aussprechen. Denn sobald er das bemerkt hatte, hob er seine Maske und zeigte dem Kind, dass er „nur“ ein Mensch ist. Auch der Vater wirkte auf mich leicht entsetzt, welche Ängste die Situation beim Kind doch noch ausgelöst hat.

Angst auch als Schutz
Nicht nur, dass mich in solchen Situationen erschüttert, dass man so mit den Ängsten der Kinder spielen muss. Kinder leben ihre Emotionen echt und ehrlich aus. Und Angst ist eine wichtige Emotion, die uns auch beschützt und Gefahren erkennen lässt. Ich denke, es ist wichtig, dass Kinder dieses Gefühl spüren dürfen und vor allem auch haben dürfen. Die Sorge, dass ihre Kinder „Angsthasen“ werden, ist eher in den Erwachsenen begründet und müsste oft von ihnen genauer unter die Lupe genommen werden.

Ihr merkt, es ist für mich ein wichtiges Thema. Ich tausche mich auch immer wieder mit meinen Blogger-Kolleginnen darüber aus. Unter anderem habe ich mit der Buchautorin Sandra Schindler zum diesem Thema einen regen Austausch geführt und sie hat sich netterweise bereiterklärt, einen Gastbeitrag zu schreiben. Diesen werde ich in ein paar Tagen auf meinem Blog veröffentlichen.

Trennung/Scheidung – Und wie geht es meinem Kind?

Wie geht es meinem Kind während und nach einer Trennung oder Scheidung? Wie kann ich mein Kind in diesem Prozess und danach bestmöglich begleiten? Diese Fragen beantworte ich in diesem Online-Seminar.

elternweb2go hat mich eingeladen, ein Onlineseminar zu diesem Thema zu halten. Hier gibt’s das Seminar in voller Länge zum Nachsehen.