Manchmal reicht eine kleine Geste

In meiner Arbeit als Elternberaterin höre ich immer wieder tolle Geschichten, die mich aufhorchen lassen und die ich gerne mit euch teilen möchte.

Aktuell liegt einer meiner Schwerpunkte darin, die Wichtigkeit der Eltern-Kind-Bindung zu diskutieren bzw. die Bindung einer wichtigen Bezugsperson zum Kind. Das bezieht sich in meinen Veranstaltungen nicht nur auf das Baby-Alter, sondern wirklich auf die gesamte Kindheit bzw. Pubertät.

Bleiben oder gehen?!
Bei einer meiner letzten Veranstaltungen hat mir eine Frau folgende Geschichte erzählt: Seit Beginn des Kindergartenjahres begleitet sie ihren fünfjährigen Neffen mit in den Kindergarten, der gleich neben ihrer Arbeitsstätte liegt. Ihr Neffe wollte die erste Zeit immer, dass sie mit hinein geht. Das hat die Tante dann auch gemacht. Sie meinte zu mir: „Das sind für mich drei/vier Minuten am Morgen und ihm gibt es Sicherheit. Also warum nicht?“ Eines Tages meinte der Junge dann, dass die Tante nicht mehr mit muss, sondern gleich zu ihrer Arbeit gehen kann. Auch hier hat sich die Frau am Bedürfnis des Kindes orientiert. Für sie ein wenig überraschend kam er ein paar Tage vor unserer Veranstaltung zu ihr und fragte sie, ob sie wieder mit reinkommen könnte.

Kosten-Nutzen-Abwägung
Und hier zeigt sich nun der zentrale Punkt der Erzählung. Denn die Tante hat es getan und zwar ohne den Jungen nach dem Grund zu fragen. Die Frau erzählte mir, dass sie sich schon überlegt hat, das Kind zu fragen, warum es nun wieder diesen Weg möchte. Oder kurz sei auch der Impuls dagewesen zu sagen „Aber das brauchst du doch nicht. Du bist doch schon groß und bist doch auch schon allein gegangen.“ Sie habe jedoch gleichzeitig gespürt, dass das für das Kind unangenehm wäre, wenn es sich erklären müsste. Es schien ihm wichtig zu sein und gleichzeitig fühlte sich die Tante auch geehrt, dass das Kind ihr so vertraut, dass es vor einer Bloßstellung keine Angst hat.

Also hat sie den Jungen wieder begleitet, ohne daraus ein besonderes Thema zu machen und spürt, dass sie mit dieser Vorgehensweise dem Kind Sicherheit gibt. Ich war bei dieser Erzählung begeistert von der Sensibilität dieser Frau. Es scheint auf den ersten Blick eine Nichtigkeit zu sein und ist doch für ein Kind so unendlich wichtig: Um Sicherheit bitten zu können und in diesem Gefühl ernstgenommen zu werden.

 

Die Ohren gespitzt, die Augen geschärft…

Kinder in ihrer Aufmerksamkeit und in ihrer Wahrnehmung zu unterschätzen, ist ein häufiger Fehler, den wir als Erwachsene machen.

Immer und überall Wachsamkeit
Nein, es sieht doch nicht, wenn ich das letzte Stück Käse schnell vom Messer esse. Es riecht auch nichts, wenn ich ihm einen Kuss gebe, kurz nachdem ich „heimlich“ ein Stück Schokolade vor dem Gehen gegessen habe. Ein kleines Kind merkt doch auch nicht, wenn die Ampel eigentlich noch rot ist, wenn wir über die Straße gehen.

Jedoch sind nicht nur die Augen eines Kindes scharf. Auch seine Ohren sind stets gespitzt. So kann es durchaus sein, dass es das Gespräch zwischen Erwachsenen aufmerksam verfolgt, obwohl es scheinbar in sein Spiel vertieft ist. Wir geben uns gern der Illusion hin, dass in solchen Gesprächen Wortwahl oder Tonlaut unwichtig sind und vom Kind nicht übernommen werden.

Konfrontation
Doch das Erwachen kommt prompt. Manchmal noch irgendwie amüsant, wenn die zweijährige Tochter plötzlich gleich klingt wie man selber. Manchmal aber auch erschreckend, wenn der Sohn, der den Apfel für den Obstsalat schneidet und ein hängen gebliebenes Stück vom Messer runter essen will, wie er es eben bei einem Elternteil beobachtet hat.
Das Kind bringt uns auch in Erklärungsnot, denn wieso darf ich nach dem Frühstück noch ein Stück „Motivationsschokolade“ essen, während das dem Kind mit den unterschiedlichsten Argumenten verboten ist?

Unterschätzt nicht!
Auch wenn Kinder vermeintlich unbeteiligt wirken, wenn man das Gefühl hat, sie sind doch eh noch so jung: Das kindliche Gehirn ist wie ein Schwamm und saugt alles auf, was sich in seiner Umgebung abspielt. Also lasst uns unsere Kinder nicht unterschätzen! Sie sind der Spiegel unseres Verhaltens und irgendwie auch davon abhängig, dass wir ihnen als Erwachsene ein Vorbild sind.

„Sag schön bitte…“

Wenn man als Eltern mit Kindern unterwegs ist, bekommen diese immer wieder etwas geschenkt: einen Luftballon im Buchgeschäft, ein Stück Wurst an der Theke oder ein Bonbon beim Ausgang. Die Kinder freuen sich, die Eltern auch. Wäre da nicht dieser kurze Moment, der viele noch immer in Stress versetzt: Sagt mein Kind auch schön „danke“?! Schließlich gibt es auch auf Seiten des Schenkenden das Zögern, ob vom Kind etwas kommt. In vielen Fällen übernehmen es dann die Eltern oder es folgt der berühmte Satz „Wie heißt das?“.

Das Duell um ein Wort
Für viele Eltern stellt die Höflichkeitserziehung bei ihren Kindern einen großen Wert dar. Es ist für sie wichtig, dass die Kinder „bitte“ und „danke“ sagen, wenn sie etwas haben wollen oder bekommen. Da kann schon hin und wieder eine Art Machtkampf zwischen den Parteien beobachtet werden:
Das Kind hätte gerne noch einen Löffel vom Mittagessen und sagt „Noch einmal Reis.“ Die Mutter schaut das Kind mit großen Augen an und wartet. Das Kind schaut mit großen Augen zurück und sagt „Reeeiiss“. Die Mutter „Wie heißt das?“ Und das Kind mit einem etwas äffigen Ton: „Biiittee!“
Nun kann die Mutter in dem obigen Beispiel zwar für sich zufrieden abhaken, dass das Kind ja höflich war. Doch hat das Kind wirklich gelernt, jedes Mal dieses für uns Erwachsene so wichtige Wort zu sagen. Hat es erlebt, dass es sich dabei um einen Wert handelt?

Gleichberechtigung
Wie immer, wenn ich mich gedanklich mit diesen Alltagsbeobachtungen beschäftige, frage ich mich im Umkehrschluss: Wie verhalten wir Erwachsene uns unseren Kindern gegenüber? Wenn wir etwas von ihnen haben wollen, sagen wir am Ende eines Satzes immer „bitte“? Oder wenn unser Kind uns etwas gibt, dass wir dann auch wirklich jedes Mal „danke“ sagen? Tendenziell ist es doch eher so, dass Erwachsene hier Kindern gegenüber nicht den gleichen Respekt an den Tag legen. Wir wollen zwar, dass Kinder höflich sind, doch verhalten wir uns ihnen gegenüber selten gleich.

Vorbild
Dabei würde sich auch bei diesem Zusammenhang das Anerziehen ähnlich empfehlen, wie in vielen anderen Bereichen der Erziehung: Wenn es in einer Familie üblich ist, dass ein freundlicher Ton angeschlagen wird, wenn alle Mitglieder „bitte“ und „danke“ sagen, gegenseitiger Respekt besteht, unabhängig vom Alter, dann ist ein entsprechendes Verhalten selbstverständlich und nichts Besonderes mehr.

„Bist du noch da?“

Als Eltern machen wir uns viele Gedanken darüber, was wir unseren Kindern alles mit auf ihren Weg geben wollen und sollen. Was brauchen unsere Kinder, um sich gut entwickeln zu können, um stabile Persönlichkeiten zu werden? Wie können wir erreichen, dass sie glücklich werden, gutes Sozialverhalten zeigen und empathisch sind? Wie können wir sie im Lernen unterstützen?

Die Zahl der Elternratgeber in Buchhandlungen ist riesig, die Auswahl an Elternblogs im Internet ebenfalls 😉 Sie sind voller Ratschläge, manche hilfreicher als andere.

Ich möchte heute eine vermeintliche Kleinigkeit aufzeigen, die in der Eltern-Kind-Beziehung von unschätzbarer Bedeutung ist: Das Spiegeln

Das „Still Face-Experiment“
In diesem sehr spannenden Experiment wird gezeigt, was bei einem Kleinkind passiert, wenn seine Mutter plötzlich nicht mehr auf es reagiert. Das Kind versucht mit allen möglichen Grimassen und Verrenkungen nicht nur die Aufmerksamkeit der Mutter zu erlangen, sondern vor allem auch eine Reaktion, eine Veränderung der Mimik. Dies glückt jedoch nicht und führt beim Kind zu einer Irritation und ins Weinen. Erst als die Mutter wieder reagiert und somit Kontakt zum Kind aufnimmt, beruhigt es sich wieder.

Martin Buber
Der Religionsphilosoph Martin Buber schreibt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Das heißt, erst in der Reaktion eines Gegenübers lernen wir, ein Gefühl für uns selber zu bekommen, uns selber zu spüren. Dies ist vor allem in den ersten Lebensmonaten und Lebensjahren von großer Bedeutung, bleibt es aber ein Leben lang.

Denn nur als kurzes Gedankenexperiment wieder für uns selber: Wenn wir mit anderen Leuten reden oder vielleicht auch einen Vortrag halten und wir sehen in den Gesichtern des Gegenübers keinerlei Reaktion, führt das zu Irritation und wir fragen uns, ob der andere überhaupt zuhört oder ob wir etwas total Blödes erzählenn. Auch als Erwachsene brauchen wir das Gegenüber.

Echte Begegnung
In der Eltern-Kind-Begegnung bleibt das Arbeiten auf der Beziehungsebene die wichtigste Aufgabe. Es ist für die kindliche Entwicklung nicht ausschlaggebend, ob man im Sommer alle Strandbäder im Land besucht oder ob man immer das neueste Spielzeug zu Hause hat. Tatsächlich förderlich ist adäquates Reagieren auf ein Kind, mit ihm in Beziehung und in Auseinandersetzung zu gehen. Im Gesicht, in der Körperhaltung des Gegenübers, lernt das Kind sich zu erkennen und auch zu verstehen.

Und als Eltern müssen wir uns zwischendurch erlauben, dass die Staubfussel in den Ecken der Zimmer liegenbleiben, wenn das Kind kommt, um zu kuscheln und Nähe spüren zu können. Einfach die Augen schließen und genießen…

BALL, BBBBALL, BAAAALLLL, BALLL, BALL! Und wie lernt dein Kind sprechen?

Ein Kind dabei zu erleben, wie es sprechen lernt, ist für Eltern eine sehr besondere Phase. Zum ersten Mal seine Stimme zu hören, berührt sehr. Doch wie können Eltern ihre Kinder im Lernen unterstützen? Natürlich lernen Kinder am besten durch Wiederholungen. Eltern können sich also mit ihren Kindern hinsetzen, Bilder ansehen und immerzu das Wort wiederholen. Doch macht das beiden wirklich Spaß? Nun stellen wir uns aber einmal vor, dass wir auf diese Art eine Fremdsprache lernen sollen. Da verlieren wir doch auch recht bald die Freude daran!

Lustvolles Lernen
Viel lustvoller ist das Lernen doch im Zusammenhang mit einer Unterhaltung oder verpackt in einem Spiel. Vielen Eltern fällt es schwer, sich vorzustellen, dass ein Kind das Sprechen lernt, einfach „nur“ weil wir mit ihm reden. Doch beobachtet euer Kind, während ihr ihm etwas erzählt. Wobei der Inhalt vollkommen egal ist. Ihr seht dann faszinierte Kinderaugen, die auf eure Lippen starren. Manchmal greifen sie auch nach den Lippen und berühren sie, während ihr sprecht. Kinder formen ihre Lippen, während ihr sprecht, und versuchen euch nachzuahmen. Oder sie imitieren den Klang eines Wortes, auch wenn sie zunächst noch gar nicht wissen, was sie sagen. Natürlich unterstreicht ihr eure Unterhaltung mit Bildern oder mit Gesten, damit das Kind erkennt, was ihr meint. Aber alles findet im Rahmen eines Gesprächs statt und nicht in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Kinder mit Geschwistern
Diese Art des Sprechenlernens ist bei Kindern mit Geschwistern sehr eindrücklich zu beobachten. Denn ein älteres Geschwister setzt sich selten mit dem anderen mit einem Buch hin und betont einzelne Worte. Vielmehr redet es einfach mit ihm, erzählt ihm vielleicht Geschichten aus diesem Buch. Sie unterhalten sich und wenn sie sich nicht ganz verstehen, dann verwenden sie Hände und Füße dazu. Sie spielen miteinander und benennen dabei Dinge oder Figuren.

Lernen in der Beziehung
Kinder sind interessiert und neugierig. Sie wollen Dinge entdecken. Ihr Gehirn ist wie ein Schwamm. Es saugt alles auf, was ihm begegnet. Und genauso wollen sie die Sprache entdecken. Die Aufgabe von Eltern ist es, den Kindern nicht nur die Notwendigkeit des Erlernens einzelner Worte beizubringen, sondern vor allem auch die Faszination von Sprache. Und wenn dies dann noch zusätzlich im Rahmen eines gemeinsamen Gesprächs stattfindet, ist es umso lustvoller und für die Beziehung eine unbezahlbare Bereicherung!

Eines wissen alle Eltern auf der Welt: … wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten

Als ich vor Kurzem diesen Satz der bekannten Schweizer Psychologin Alice Miller gelesen habe, musste ich lachen und bestätigend den Kopf nicken.

Alle Eltern kennen folgende Situation: Das Baby weint im Kinderwagen und dir selber völlig fremde Menschen kommen vorbei, schauen dich vorwurfsvoll an und geben dir Ratschläge wie „Vielleicht hat es Hunger.“ Ohne zu wissen, dass es vor fünf Minuten sein Fläschchen bekommen hat. Oder wenn ein Kind im Geschäft trotzig wird und schreit und alle um dich herum nur den Kopf schütteln und miteinander flüstern.

Neigung zu Vorverurteilungen
Wir Menschen neigen dazu, uns über alles und jeden sofort eine Meinung zu bilden. Und vergessen dabei, dass wir hinter das Geschehen blicken müssen. Nur weil wir zu einer Situation dazustoßen, wissen wir nicht, was davor passiert ist.

Folgende Szene: Eine Mutter sitzt am Spielplatz auf der Bank und telefoniert. Ihr Kind sitzt allein im Sandkasten und versucht Kontakt zu ihr aufzunehmen. Sie reagiert jedoch nicht. Kommt in uns nicht gleich der Gedanke auf: Das arme Kind! Wie kann die Mutter nur so herzlos sein? Wir haben aber nicht gesehen, dass die Mutter davor schon eine Stunde mit dem Kind im Sand gesessen ist und sie jetzt einen Anruf angenommen hat, auf den sie den ganzen Tag schon gewartet hat. Wir meinen einfach zu wissen, dass sie sich nicht um das Kind kümmert.

Selbstreflexion
Wir reagieren brüskiert, wenn andere Menschen ungefragt meinen, es besser zu wissen. Aber spüren wir nicht alle diesen Impuls manchmal in uns?! Hier heißt es, sich selber zu reflektieren. Kurz innezuhalten und sich zu fragen: Habe ich wirklich alle Informationen, um einer Beurteilung der Situation gerecht zu werden? Ich denke, wir sollten uns auf uns selber konzentrieren. Gleichzeitig aber zur Verfügung stehen, wenn jemand uns um einen Rat fragt.

Wir alle machen unsere Erfahrungen im Leben – theoretisch und praktisch. Und dennoch müssen wir vorsichtig sein und sensibel bleiben. Denn ohne ausreichende Informationen können und dürfen wir anderen Menschen keine Ratschläge geben. Und ungefragt bleiben sie sowieso ungehört…