Wenn zwei sich streiten

Wir haben hier auf dem Blog ja auch bereits verschiedene Aspekte zum Thema „Streit“ diskutiert wie zum Beispiel in „Was tun, wenn der Streit zu eskalieren droht?“ oder „Wenn nur eine Sache interessant ist…“. Letzthin habe ich während einer Autofahrt eine Diskussion darüber gehört, ob Eltern sich bei Geschwisterstreitigkeiten einmischen sollen oder nicht.

Alle Eltern kennen das: die Kinder spielen friedlich gemeinsam und innerhalb von Sekunden kippt die Stimmung und ein Streit entsteht. Sind wir als Eltern in der Nähe, entsteht oft ein innerer Impuls, zu den beiden Streithähnen hinzueilen und sich einzumischen.

Eingriff bei Schlagen, Beißen, Spucken
Bevor wir das tun, sollten wirr aber kurz innehalten und uns fragen, ob es wirklich günstig ist, in die Situation einzugreifen: Natürlich werden wir sofort reagieren, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt wie Schlagen, Beißen, Zwicken, Spucken oder ähnliches. Ist dies nicht der Fall, sollten wir uns überlegen, ob wir wirklich den Inhalt des Streites kennen. Oft ist es ja so, dass wir den Auslöser eigentlich gar nicht richtig mitbekommen haben und damit auch nicht wissen, wer eigentlich Recht und wer Unrecht hat. Werden dann die Kinder gefragt, erhält man ziemlich sicher zwei verschiedene Antworten 😉
Manchmal ist es auch so, dass wir automatisch davon ausgehen, dass das ältere Kind dem jüngeren etwas zuleide getan hat. Da setzt sich im ersten Impuls der Beschützerinstinkt durch.

Zurück zur Radiodiskussion
Ich denke, diese Frage kann somit mit „nein“ beantwortet werden. Eltern sollten sich nicht automatisch in Streitereien zwischen Kindern einmischen. Denn wie sollen Kinder lernen,  Diskussionen und Streitigkeiten konstruktiv auszutragen, wenn sofort ein Erwachsener sich einmischt und den Schiedsrichter spielt.

Eigene Erfahrung 😉
Nun sind wir aber hier auf diesem Blog ja ehrlich miteinander und gestehen uns die auch immer wieder erlebte Differenz zwischen Theorie und Praxis ein. Denn es ist nicht immer einfach, den Streitereien zwischen den Kindern teilnahmslos zuzuhören, sei es auf Grund der Lautstärke, der Wortwahl oder weil wir einfach die Angst haben, dass es doch eskalieren könnte.
Natürlich „passiert“ es auch mir ab und zu, dass ich mich einmische, das aber auch gleich bereue. Die absolut beste Reaktion, die ich bei meinen Kindern dann beobachte, ist nämlich, dass sie mich anschauen, dann sich gegenseitig anschauen und in diesem Blick nonverbal beschließen, dass die Auseinandersetzung zwischen ihnen abrupt endet und ich nun ihr gemeinsamer Gegner bin. Der Streit ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Sie nehmen sich solidarisch an der Hand und verlassen das „feindliche“ Umfeld 😉

Bleib stehen!

In einer meiner letzten Teamsupervisionen hat einer meiner Kollegen ein tolles Bild geschildert, das er einem seiner Klienten mit nach Hause gegeben hat. Er hat dieses zwar ursprünglich auf die Paarbeziehung bezogen, aber während ich ihm so zugehört habe, dachte ich mir, dass das für uns als Eltern auch wunderbar passt.

Der Rettungseinsatz
Wird ein Rettungshubschrauber zu einem Einsatz ins Gebirge gerufen, gibt es immer einen sogenannten „Einweiser“. Dieser Rettungssanitäter ist dafür da, dem Piloten den Landeplatz anzuzeigen. Vor allem bei schlechter Sicht oder auch bei Sturm verlangt diese Aufgabe viel Mut und gute Nerven. Sieht der Pilot nämlich den Platz an sich nicht, ist dieser Mensch, ausgestattet mit Lampen und Reflektoren, sein einziger Orientierungspunkt, der sich keinesfalls bewegen darf. Es kann dabei sogar zu Situationen kommen, in denen es zu einer Berührung zwischen Hubschrauber und Mensch kommt. Die oberste Devise bleibt dennoch: Keine Bewegung! Halte die Umstände aus! Halte auch die Annäherung und die Berührung durch den Hubschrauber aus! Bleib stehen! Denn wenn du dich bewegst, hat das gravierende Folgen!

Eltern-Kind-Beziehung
Wenn wir dieses Bild bzw. diesen Rettungseinsatz auf unsere Begegnungen als Eltern mit Kindern herunterbrechen, dann wird deutlich, dass auch wir immer wieder dieser Rettungssanitäter sind. Manchmal schlägt auch uns ein etwas härterer Wind ins Gesicht, es gibt Auseinandersetzungen, Reibereien. Die Kinder suchen ihre eigenen Wege. Nicht immer funktioniert das reibungslos. Meist handelt es sich hier um herausfordernde Prozesse. Auf der einen Seite wählen Kinder uns Eltern als Orientierungspunkt. Von uns aus machen sie sich auf den Weg zu neuen Ufern. Gleichzeitig aber konfrontieren sie uns, fordern sie uns. Ihre Entwicklung ist dann davon abhängig, dass wir stabil stehen bleiben. Dass wir uns nicht bewegen, sondern eben in diesen unruhigen Zeiten für sie der stabile Ankerpunkt bleiben.

Ich habe mir dieses oben beschriebene Bild mitgenommen und führe mir es in unterschiedlichen Konfliktsituationen vor Augen. Dabei jedoch nicht nur, dass ich selber dieses Stabile für mein Gegenüber sein soll, sondern dass auch ich selber immer wieder ein solches brauche.

Wenn aus zwei drei werden…

Der Gedankenaustausch mit euch ist der Grundbaustein meines Blogs. Immer wieder wenden wir uns auch Tabuthemen zu. So auch dieses Mal.

Das Paar tritt zurück
Die Geburt eines Kindes wird von werdenden Eltern oft sehnsüchtig erwartet. In den Wochen und Monaten davor malen sie sich aus, wie ihr neues Leben wohl sein wird. Dabei widmen sie sich zwar zwischendurch auch dem Gedanken, was sich im Alltag alles ändern wird, doch dieser wird recht rasch zur Seite geschoben. Das ist grundsätzlich auch gut so, denn schließlich soll die Freude überwiegen. Wenn das Kind dann jedoch auf der Welt ist, kommt man als Eltern nicht mehr umhin, sich auch mit den Veränderungen auseinanderzusetzen.

Eine große Veränderung findet dabei auf der Paarebene statt. Mit der Geburt eines Kindes wird aus einem Zweier-Gespann ein Dreier-Gespann und die gesamte Dynamik verändert sich. Das Paar steht nicht mehr im Vordergrund. Am Anfang ist es meist das Gegenteil: Dieses kleine Wesen braucht viel Aufmerksamkeit, Zuwendung und Zeit, sodass die zeitlichen Ressourcen für das Paarleben sich deutlich reduzieren.

Lückenhafte Vorbereitung
In den Geburtsvorbereitungskursen wird viel Aufmerksamkeit der Geburt und den damit verbundenen Vorgängen gewidmet. Auch die Pflege des Kindes danach wird besprochen. Doch junge Paare bekommen nur selten den Raum, sich gedanklich auch auf die Veränderungen vorzubereiten, die ihre Zweisamkeit betrifft.

Dabei handelt es sich eigentlich um einfach Mathematik: Die Zeit bleibt gleich. Der Tag hat weiterhin 24 Stunden. Doch anstatt, dass diese nur auf zwei Personen verteilt werden, werden sie auf drei Personen verteilt. Somit hat jedes Familienmitglied prozentuell nun weniger Zeit.

Gut, das klingt nun sehr trocken und unemotional. Doch ist es eigentlich genau das, was viele Paare  -vor allem mit Kleinkindern – an ihre Grenzen bringt. Wir haben noch nicht einmal die körperlichen Veränderungen der Frau durch die Schwangerschaft, den Schlafentzug und auch die Einschränkungen in Freizeit und Unabhängigkeit erwähnt.

Darüber reden bringt Erleichterung
Ihr wisst, dass ich Anhängerin von Offenheit bin. Wie bei manch anderen Themen, die wir schon besprochen haben, ändert zwar das Reden an sich nicht die Tatsache selber, aber es bringt doch Erleichterung, wenn wir uns diesbezüglich mit anderen austauschen können. Es steht dabei nicht primär das Jammern im Vordergrund. Eigentlich geht es um Prävention. Junge Eltern sollten neben dem ganzen Glück von Anfang an auch die Veränderungen im Blick haben, die auf sie als Paar zukommen. Sie sollen den Raum und die Worte dafür bekommen, vor allem miteinander darüber zu reden. So kann vielleicht die eine oder andere Beziehung gerettet werden, die an falschen Erwartungen und an der Sprachlosigkeit zu scheitern droht.

Als Paar getrennt, als Eltern verbunden

Kann eine Trennung/Scheidung dazu führen, dass Kinder dauerhaft Schwierigkeiten mit Trennungen haben?

Mit dieser Frage war ich kürzlich in meiner Arbeit konfrontiert und habe dabei gemerkt, wie verunsichernd diese Überlegung für betroffene Eltern ist.
Somit auch gleich vorweg die Antwort: Nein… Wenn die Eltern die Trennung gut durchführen.

Wir trennen uns ständig
Leben, ob von Erwachsenen oder von Kindern, ist geprägt von Trennungen und Abschied nehmen. Von Geburt an, wenn wir den Mutterleib verlassen, ist dies ein uns begleitendes Thema, mit dem es heißt, sich auseinanderzusetzen. Kinder trennen sich im Laufe ihres Lebens immer wieder von ihren Eltern. Die ersten Trennungen mögen klein und unbedeutend wirken, wie wenn ein Kind die ersten Krabbelversuche und Schritte weg von den Eltern macht. Doch es sind Abschiede. Kommt ein Kind dann in die Spielgruppe und in den Kindergarten, ist der Abschied schon größer, da es zu einer längeren Trennung kommt. Dabei ist und bleibt wichtig, dass diese Trennung und alle dieses Ereignis begleitenden Gefühle thematisiert werden.

Kurzfristige, längere und endgültige Trennungen
Es gibt verschiedene Formen von Trennungen, die auch unterschiedlich bewältigt werden.

Eine kurzfristige Trennung ist absehbar und dauert meist nicht sehr lange. Für ein Kind zum Beispiel, wenn die Mutter Erledigungen macht und die Kinder in dieser Zeit bei den Großeltern bleiben. Oder auch, wenn die Eltern sich einen freien Abend vergönnen und die Kinder bei ihrem Patenonkel und ihrer Patentante sind. Längere Trennungen können für ein Kind je nach Alter schon sein, wenn der Vater morgens aus dem Haus zur Arbeit geht und erst am späten Abend wieder zurückkehrt. Oder wenn sie selber im Kindergarten sind und am frühen Nachmittag wieder von ihren Eltern abgeholt werden. In all diesen Fällen ist die Trennung nicht endgültig, es gibt immer eine Rückkehr zur Vertrauensperson.

Das Leben ist aber auch geprägt von endgültigen Trennungen, bei denen keine Rückkehr mehr möglich ist, zum Beispiel bei Todesfällen. In solchen Situationen braucht es eine noch sensiblere Auseinandersetzung.

Endgültige Trennung für die Eltern – Vorübergehende Trennung für die Kinder
Für die Eltern bedeutet eine Trennung eine endgültige Trennung als Paar, somit also ohne Rückkehr. Jedoch genaugenommen nur eine vorübergehende Trennung als Eltern, denn hier bleibt die gemeinsame Verantwortung für die Kinder. Für die Kinder selber jedoch sollte es ebenfalls nur eine vorübergehende Trennung von den Eltern sein. Wenn Eltern die Trennung für ihre Kinder gut vorbereiten und planen, wie die Kontakte zu beiden Elternteilen gestaltet werden, dann empfindet das Kind die Trennung auch nicht als endgültig. Natürlich kommt es beim Kind dennoch zu Trauer darüber, dass sich das bekannte Familiensystem auflöst.

Vorbildwirkung
Auch wenn vom Kind nicht primär gewünscht, kann die Trennung der Eltern auch Vorbildwirkung haben: Das Erleben, dass Trennungen, auch von geliebten Menschen, zum Leben gehören. Sie lösen Traurigkeit aus und können doch der Beginn eines neuen und wunderbaren Lebensweges sein.

„Mama – bist du noch meine Freundin?“

In der Eltern-Kind-Beziehung kommt es selbstverständlich auch immer wieder zu Auseinandersetzungen. Eltern haben ihre Vorstellungen, die nicht immer mit jenen ihrer Kinder übereinstimmen. So entstehen Konflikte darüber, wie nun mit diesen Regeln umgegangen wird.
Ich möchte mich heute nicht dem Inhalt von Regeln oder Konflikten widmen, sondern mehr der Frage, wie Eltern versuchen ihre Regeln, ihre Werte und Einstellungen durchzusetzen. Wie werden solche Konflikte ausgetragen?

Konfliktgestaltung
Dabei spielen nicht nur Sprache und Umgangston eine große Rolle. Für Kinder gibt es einen ganz zentralen Punkt: Völlig egal, ob sie ihren Willen durchsetzen oder nicht – das Wichtigste für sie ist, dass es zu keinem Beziehungsabbruch kommt. Sie müssen jederzeit spüren, dass ihre Eltern sie trotzdem lieben, dass die Beziehung den Konflikt auf jeden Fall aushält.

Frage nach Beziehungsstatus
Eine Freundin hat mir vor einiger Zeit eine Beobachtung in diesem Zusammenhang erzählt: Wenn sie mit ihren Kindern schimpft, wenn es in einem Konflikt manchmal etwas lauter wird, kommt am Ende stets die gleiche Frage der Kinder: „Bist du noch meine Freundin?“
Es ist der Weg der Kinder, sicher zu stellen, dass die Beziehung stabil ist, dass ihre Mutter noch da ist, auch wenn sie davor unzufrieden mit ihnen war.

Pro Konfliktaustragung
Konflikte, Auseinandersetzungen sind in allen Beziehungen zu finden – zwischen Menschen, so auch zwischen Tieren, zwischen Erwachsenen, als auch Kindern. Wir alle sind unterschiedliche Persönlichkeiten, die unterschiedliche Meinungen und Ansichten haben. Diese müssen für ein Zusammenleben in einen Kompromiss gebracht werden. Dafür wiederum müssen sie angesprochen und besprochen und dürfen auf keinen Fall ignoriert werden.

In einem Konflikt zu zeigen, dass es die Sache ist, die zu Unstimmigkeiten führt und nicht die Person des Kindes muss dabei aber immer im Hinterkopf behalten und nach außen hin gelebt werden.

Denn schließlich wollen wir als Eltern ja auch die „Freunde“ unserer Kinder sein! 😊

Der stets begleitende innere Konflikt

Seit unsere Tochter zwei Jahre alt ist, bin ich wieder aus der Karenz zurück in der „anderen“ Arbeitswelt.

Der zögerliche Weg „hinaus“
Insgesamt war ich 4 Jahre zu Hause, habe also die gesamte Karenz ausgeschöpft. Zwar zwischendurch mit kleineren beruflichen Aufgaben, aber im Großen und Ganzen Vollzeitmutter und Hausfrau. Da ich meinen Beruf sehr gerne mag, habe ich aber auch gemerkt, dass ich wieder arbeiten gehen möchte. Natürlich in einem Ausmaß, dass es sich lohnt, arbeiten zu gehen, aber gleichzeitig auch so, dass die Kinder nicht zu sehr außerhäuslich betreut werden.
Gemeinsam mit meinem Mann haben wir dann einen Plan erstellt, wie wir das handhaben können. Wir wollten möglichst gut organisiert sein und verschiedene Eventualitäten gleich mitdenken, sodass die Kinder auch nicht zu sehr auf ihre Eltern verzichten müssen. Außerdem war uns wichtig, dass wir nicht dauernd nur gestresst sind.
Wir haben das alles in der Theorie gut durchgeplant und nach einem Jahr der praktischen Umsetzung muss ich sagen: Es läuft ganz gut…

… Und doch…
Und doch sind sowohl mein Mann als auch ich nicht vor einem manchmal auftretenden schlechten Gewissen gefeit: zum Beispiel dann, wenn wir die Kinder am Wochenende mit Husten gepflegt haben und dann am Montag entscheiden müssen, sie zwar mit guter Laune, aber doch noch ab und zu hustend in die Spielgruppe oder in den Kindergarten zu schicken. Oder, wenn wir die beiden am Morgen aufgrund unerwarteter Zusatztermine etwas antreiben müssen.

Das Gewissen…
Mein „liebstes“ „schlechtes Gewissen-Beispiel“ ist folgendes, euch allen wahrscheinlich bekanntes, Erlebnis:
Ich bringe meine Tochter am Morgen in die Spielgruppe. Wir versuchen alle früh genug aufzustehen, damit wir keinen Stress bekommen und die Atmosphäre am Morgen noch eher gemütlich ist. Dann stehen wir zwei nun in der Spielgruppe, wir plaudern und ich ziehe sie um. Doch, sobald wir an der Schwelle zum Spielraum stehen, beginnt sie zu weinen. Da die Zeit aber drängt, weil wir uns davor schon Zeit gelassen haben und ihre Lieblingsbetreuerin mit offenen Armen bereitsteht, gebe ich sie eben doch mit diesem beklemmenden Gefühl im Herzen ab. Dann weiterflitzen, den Sohn noch in den Kindergarten bringen und ab zu meinen Klienten. Den ganzen Vormittag will mich aber dieses Gefühl nicht loslassen und ich sehe zu, dass ich möglichst überpünktlich wieder in der Spielgruppe erscheine, da ich ja davon ausgehe, dass meine Tochter sehnsüchtig auf mich wartet. Und was passiert?! Sie beachtet mich gar nicht, als ich auftauche. Zudem höre ich, dass sie am Morgen, sobald ich die Tür hinter mir geschlossen habe, aufgehört hat zu weinen, sich zu den anderen Kindern gesetzt und fröhlich gespielt hat.

Bekannt und doch schwer
Ihr alle, die ihr arbeitende Eltern seid, kennt solche Szenen, kennt das schlechte Gewissen, das einen in den Zeiten im Büro manchmal begleitet. Wir tendieren dann dazu, nicht nur die vielen Stunden zu übersehen, die wir nach der Arbeit, dem Kindergarten und der Spielgruppe mit unseren Kindern verbringen – sondern auch, dass Kindern der Abschied von ihren Eltern nun einmal manchmal schwerfällt, sie sich aber trotzdem in der Unterbringung wohl fühlen. Schließlich suchen die Eltern diese ja davor mit viel Sensibilität und Blick auf das Kind aus. Außerdem wollen wir auch irgendwie nicht das Gefühl bekommen, unsere Kinder wären froh, uns los zu sein, oder?!

Kindliche Ängste: 2 Krisensituationen gewaltfrei und respektvoll lösen

Ein Gastbeitrag der Kinderbuchautorin Sandra Schindler

Ängste begleiten uns unser Leben lang. Von einigen Ausnahme-Menschen einmal abgesehen. Byron Katie zum Beispiel schreibt in ihrem Buch „A Thousand Names for Joy“, dass sie nicht einmal dann Angst empfindet, wenn ein gereizter Mann mit Pistole vor ihr herumfuchtelt und droht, sie umzubringen. Das glaube ich ihr sogar.

Doch für uns Normalsterbliche gehört Angst einfach dazu.

Warum neigen wir Eltern dazu, Angst nicht nur zu verdrängen, sondern versuchen sogar, sie unseren Kindern abzusprechen? Noch immer werden viel zu viele Kinder dazu erzogen, mutig und tapfer sein zu müssen.

Nur weil ein paar bindungsorientierte Mamas innerlich schreiend davonlaufen, wenn mal wieder der Satz „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ fällt, heißt das nicht, dass er deshalb in der „normalen“ Welt da draußen weniger gängig ist.

Anderes Beispiel: „Ach, da brauchst du doch keine Angst zu haben, das ist doch nur ein böser Traum gewesen!“ Ja, mag ja sein, aber Fakt ist: Das Kind hatte offensichtlich Angst vor dem Traum, sonst wäre es nicht schreiend aufgewacht und hätte sich an dich geklammert, in der Hoffnung, dass du ihm Halt gibst.

Wenn ein Kind in einer Angstsituation hört, dass sein Empfinden falsch ist, dass es ja diese Angst gar nicht zu haben braucht, sie bisweilen nicht einmal haben darf … das verunsichert.

Wir haben hier nicht selten das Thema Splitter. Immer wieder suchen sich die winzigen Holzstückchen ausgerechnet die Haut meiner Kinder aus, um sich darin einzunisten. Splitter tun weh. Aber das Rausmachen auch. Zumindest manchmal. Blöd nur: Das Kind merkt sich in der Regel nicht, wenn das „Entsplittern“ schmerzfrei vonstattenging, sondern nur, wenn es sich als schwieriger erwiesen hat als ursprünglich gedacht. Machen wir auch nicht anders, oder?

Ich hab heute noch eine Spritzenphobie, weil mir ein Mal eine Krankenschwester beim Blutabnehmen extrem wehgetan hat. All die Male danach, die nicht schlimm waren, die kompensieren noch immer nicht diesen Horror von damals, weil meine Angst in dem Fall viel stärker ist als meine Vernunft.

Ich sterbe nicht, wenn ich den Eingriff in meine Intimsphäre, diese schreckliche Blutabnehmerei, verweigere. Ich leide vielleicht nur ein wenig mehr, anstatt mir durch diesen kurzen, vielleicht schmerzhaften, vielleicht nicht schmerzhaften Eingriff das Leben zu erleichtern. Aber ich bin diejenige, die entscheidet, ob sie diesen Eingriff zulässt – oder eben nicht.

Genau das Gleiche gestehe ich auch meinen Kindern zu. Wir haben den Deal: Wenn etwas lebensbedrohlich ist, dann gibt es keine Diskussion. Aber in der Regel ist es das nicht. In der Regel geht es nämlich hier gar nicht so sehr um die Ängste der Kinder, sondern um die von mir als Mama.

Warum möchte ich den Splitter denn unbedingt entfernen? Weil ich Angst habe, dass mein Kind länger leidet, als nötig wäre. Und weil ich Angst habe, dass sich der Splitter entzünden könnte, dass sich also die jetzige Situation verschlimmert. Nur: In dem Moment lebe ich nicht im Hier und Jetzt, sondern mache mir Gedanken über Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind, ja, aller Voraussicht nach auch nie eintreten werden.

Neulich hatten wir wieder Splitteralarm. Ich sah mir das Ding an und erkannte, dass ich nicht einmal eine Pinzette brauchen würde, um es zu entfernen.

Dennoch: Meine Tochter ließ mich nicht ran. Alles gute Zureden half nichts. Und unter gutem Zureden verstehe ich nicht, ihr die Angst auszureden, sondern das Gegenteil: Ihr die Angst zuzugestehen und ihr das Gefühl zu vermitteln, dass ich sie verstehen kann und dass ich weiß, was in ihr vorgeht, weil ich genau das auch schon erlebt habe. Ich fühle mit ihr.

Manchmal ist die Angst des Kindes aber so groß, da nutzt jedes Mitgefühl nichts. Also mache ich mental einen Schritt zurück, akzeptiere meine eigene Angst sowie die des Kindes und sage: „Okay. Mein Angebot steht: Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Wenn du bereit bist, den Splitter rausmachen zu lassen, dann kommst du zu mir. Und wenn du nicht bereit bist, dann lassen wir ihn eben drin.“

Es dauerte eine ganze Weile. Mini brauchte Zeit. Zeit, um zu fühlen, dass der Schmerz doch unangenehm war. Dass der Splitter sie am Spielen hinderte. Zeit zu erkennen, dass ein potenzieller kurzer Schmerz beim Entfernen des Holzfitzels vielleicht doch das geringere Übel wäre. Und schließlich die Zeit, den Mut zu sammeln, um das Experiment zu wagen, genau diese Erkenntnis zu überprüfen.

Das Ende der Geschichte war: Mini kam irgendwann mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu mir, sagte: „Ich bin bereit!“, streckte mir die Hand entgegen – und ich entfernte den Splitter, ohne dass es ihr wehtat.

Ich weiß, dass Eltern nur das Beste wollen. Und manchmal erscheint einem eine kurze Übergriffigkeit als das kleinere Übel. Aber ist sie das wirklich?

Ich erinnere mich an eine andere Szene, die mein Handeln für immer beeinflusst hat. Ich versuchte, meiner anderen Tochter Augentropfen zu verabreichen. Es war ein schlimmer, schlimmer Machtkampf. Ich handelte aus Angst: Der Angst, dass diese Augenentzündung so übel enden könnte, wie man sich das eben in den schlimmsten Fällen ausmalen konnte. Davor wollte ich meine Tochter bewahren. Aber die Tropfen taten ihr weh, das wusste sie aus Erfahrung. Sie konnte es nicht mehr ertragen.

Hätte ich ihr die Tropfen mit Gewalt verabreicht, ich bin mir sicher, diese Szene hätte sich für immer in ihre Seele eingebrannt. Ich möchte jedoch ein Miteinander, eine auf Liebe, nicht auf Angst basierende Beziehung.

Also entschied ich, das mit dem Antibiotikum einfach zu lassen. Zumal ich ohnehin unsicher war: Eine Augenentzündung kommt zu 50 % von Viren, zu 50 % von Bakterien, aber nur gegen die Bakterien kann ein Antibiotikum überhaupt etwas ausrichten. Was, wenn nun Viren die Entzündung verschuldet hatten und ich mein Kind umsonst mit den Tropfen quälte? Dafür wollte ich nicht verantwortlich sein, diese Schuld wollte ich mir nicht aufladen.

Wir beschlossen abzuwarten – und meine Tochter versprach mir, wenn es schlimmer würde, wenn es wirklich und definitiv hart auf hart käme, würde sie die Tropfen nehmen. Aber es wurde nicht schlimmer. Es wurde besser. Und unsere Beziehung wurde auch besser, denn es war der Beginn einer neuen Ära.

Es ist niemals okay, einen Menschen zu etwas zwingen zu wollen, nur weil man selbst meint, die Situation besser zu durchschauen, weil dem Kind ja die Erfahrung und die Weitsicht fehlt.

Ist das wirklich wahr? Wenn man ehrlich ist, nicht. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Kinder oftmals viel weitsichtiger sind als Erwachsene, weil sie viel stärker auf ihre Intuition hören.

Abgesehen davon: Jeder Mensch lebt immer in seiner eigenen, subjektiven Blase. Aber kann ich aus einer solch eingeschränkten Weltsicht wirklich sicher sein, dass das, was ich tue, richtig ist? Nein, kann ich nicht, besonders dann, wenn es gar nicht um mich geht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte niemanden verurteilen. Jeder kommt – gerade in der Kindererziehung – immer wieder in Situationen, in denen er auf die Probe gestellt wird. Und nicht selten verhalten wir uns falsch. Zumindest sehen wir das später so. Ich glaube aber, es gibt kein Falsch. Es gibt nur ein Lernen aus Fehlern. Und solange die Kinder in den Lernprozess eingebunden werden, ist das in Ordnung. Kinder können verzeihen. Oft viel besser als Erwachsene.

Wichtig finde ich, stets das eigene Handeln zu hinterfragen. Und die eigenen Ängste ebenso zu akzeptiere wie die der Kinder. Wenn sich daraus ein Konflikt ergibt, tut der Erwachsene gut daran, die eigenen Ängste zuerst zu hinterfragen, um überhaupt in der Lage zu sein, die Ängste der Kinder wirklich verstehen und akzeptieren zu können. Erst dann kann man handeln. Zum Beispiel, indem man erklärt, wie man eine Situation empfindet, was man deshalb tun würde und warum.

Dann braucht das Kind Zeit. Zeit, um sich selbst über seine Ängste klarzuwerden. Und um als eigenständiger Mensch zu entscheiden, wie es mit diesen Ängsten umgehen möchte. Wenn es mich als Mama zur Bewältigung seiner Ängste braucht, bin ich da, um zu helfen. Das ist das Beste, was ich tun kann, damit meine Kinder eigenverantwortliche, respektvolle Menschen bleiben, die ihre Fähigkeit, Empathie und vor allem Liebe zu empfinden, nicht nur behalten, sondern sie auch an andere weitergeben können.


Sandra Schindler schreibt bedürfnisorientierte Kinderbücher jenseits des Mainstream. Im Herbst 2017 erschien ihr neustes Buch, „Flim Pinguin im Kindergarten
, ein Kinderbuch, das Kindergartenneulingen die Trennungsangst nehmen und ihnen die Anfangszeit erleichtern soll.

Auf ihrem Blog schreibt Sandra über ihr Leben als alternative Mutter, sammelt Bericht über Eingewöhnungen aus aller Welt, interviewt spannende Menschen aus der Buchbranche und darüber hinaus und stellt Kinderbücher sowie einige ihrer (veganen) Lieblingsrezepte vor.