Einmischen oder Raushalten?

Lange habe ich überlegt, ob ich das folgende Erlebnis mit euch teilen soll, denn eigentlich habe ich zu diesem Thema schon geschrieben. Sogar meine Startseite weist durch das Zitat von Alice Miller auf dieses Phänomen hin. Da es mich aber doch wieder erschrocken hat, dachte ich mir, ich teile es trotzdem mit euch und hol mir von euch Ideen und Meinungen.

Weinen macht Bauchweh
Ich war an der Supermarktkasse. Im Einkaufswagen neben meinen Kindern auch noch der gesamte Einkauf. Hinter mir wartete eine junge Mutter mit Kinderwagen und ebenfalls einer Menge Lebensmittel. Dahinter stand wiederum eine Frau mit ihrem Sohn. Für uns alle eine bekannte Situation: Das Baby im Kinderwagen weinte.

Ich bewunderte innerlich die junge Mutter, die mit ruhiger Stimme zu dem Baby sprach, gleichzeitig ihren Einkauf auf das Förderband legte. Ich für meinen Teil versuchte mich ein wenig zu beeilen, da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie stressig die Situation mit einem weinenden Baby ist.
Die Mutter dahinter reagierte anders. Sie fragte die junge Mutter mit vorwurfsvoller Stimme, ob sie schon wisse, dass so viel Weinen bei einem Baby Bauchweh auslösen kann.

Einfach nur Kopfschütteln
Die junge Mutter sah die Frau nur verdutzt an, dann mich und wusste wohl nicht ganz, wie sie zu diesem Vorwurf kam. Ich selber bin nun eher der Typ Mensch, der bei so einer Sache nicht wirklich still sein kann und fragte die „Super-Mama“, was denn die Frau mit dem Baby machen soll. Natürlich holte auch ich mir einen vorwurfsvollen Blick in Richtung meiner zwei Kinder und die Frage, ob ich schon wisse, wie schädlich Bauchweh für Kinder ist.
Da ich meine Sachen in der Zwischenzeit bezahlt hatte, und mir nur daran gelegen war, dass die junge Mutter mit ihrem Baby aus dem Geschäft kommt, versuchte ich ihr noch ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, zuckte mit den Schultern und ging meines Weges…. Gut, nicht ohne der anderen Mutter noch einmal kopfschüttelnd in die Augen zu schauen.

Nun würde mich eure Meinung interessieren: Wie hättet ihr reagiert? Sollte man sich da als Unbeteiligte einfach raushalten? Oder auch noch die andere Perspektive: Hatte jene Frau etwa Recht, indem sie die junge Mutter hinsichtlich ihres Verhaltens belehrt?

Einen Moment! Ich hab’s gleich!

Ich möchte gerne eine Ergänzung zu meinem letzten Blog-Beitrag vom 2.2.2017 schreiben. Es gibt zwei wichtige Dinge in diesem Zusammenhang, die ich gerne ansprechen möchte: „Geduld“ und „Umgang mit Fehlern“.

Immer mit der Ruhe
Wenn Kinder Sprache lernen, probieren sie sie aus. Immer mehr gewinnen sie Freude an dieser Fähigkeit. Und manchmal stoßen sie dabei natürlich auch an ihre Grenzen. Da möchten sie etwas mitteilen und ihnen fällt das Wort nicht ein. Oder sie hatten gerade einen Gedanken, der ganz schnell wieder verschwunden ist. Dennoch möchten sie ihn eigentlich noch zu Ende überlegen.
Und nun kommt mein Aufruf zur Geduld!
Lassen wir als Erwachsene den Kindern die Zeit, um zu überlegen. Wenn sie ein Wort suchen, sollten wir einfach abwarten, bis sie es gefunden haben oder sie uns um Hilfe bitten. Dieses Aufbringen von Geduld ist für ein Kind unendlich wichtig, denn es merkt, dass ihm wirklich zugehört wird, und dass es den Raum für seine Erzählungen bekommt. Zudem: Wissen wir wirklich automatisch, was das Kind uns erzählen will?!

Tu schön sprechen!
Ein weiterer sensibler Punkt ist die Frage des Ausbesserns.
Ich möchte meine Überlegung anhand eines Beispiels zeigen.
An der Bushaltestelle habe ich ein Kind beobachtet, das voller Überschwang seiner Mutter ein Erlebnis mit seinem besten Freund erzählt hat. Dabei haben sich vor lauter Freude über die Geschichte in seinen Sätzen manche Worte verdreht und die Grammatik hat nicht mehr ganz gestimmt. Und die Mutter hat gelacht und nur gemeint „Wie erzählst du denn?“ Das Kind hat sie verwirrt angesehen und sich weggedreht. Die Erzählung war vorbei.

Natürlich sollen Kinder die richtigen Worte lernen, üben, sie richtig auszusprechen oder auch Sätze richtig zu konstruieren. Doch der Weg dahin ist ein sehr sensibler. Denn wenn wir als Erwachsene im Prozess des Lernens beim Kind ständig dazu tendieren, es nur zu korrigieren, dann wird es aufhören, Freude am Erzählen zu erleben.

Besserwisser
Lasst uns zum Abschluss einen kleinen Rollentausch machen: Wie ginge es uns, wenn wir in einer Unterhaltung keine Zeit zum Überlegen bekommen? Wenn das Gegenüber meint, es besser zu wissen? Oder wenn ein anderer uns auslacht, wenn wir etwas erzählen?
Die meisten von uns würden wahrscheinlich jede Unterhaltung mit dieser Person meiden. Wir können daher froh sein, dass Kinder nicht nachtragend sind und trotzdem wieder kommen und uns mit ihren Geschichten erfreuen.

Ich bin doch kein Hubschrauber?!

Kennt ihr den Begriff der Helikopter-Eltern? Gemeint sind Eltern, die ständig um ihre Kinder „herumschwirren“.

Fall aus der Praxis
Mir begegnete der Begriff in einem Gespräch mit einer Klientin, die mir folgende Situation schilderte: Sie war mit ihren beiden Kindern – 5 und 2 ½ Jahre – am Spielplatz. Beide sind sehr neugierig und möchten alles ausprobieren, ob klettern, rutschen, schaukeln. Die Klientin versucht ihre Kinder darin zu unterstützen. Gleichzeitig fühlt sie sich wohler, wenn sie noch bei ihren Kindern dabeisteht. Wenn ihr Jüngster zum Beispiel bei der Rutsche die Leiter raufklettert, dann hat sie immer eine Hand bereit, um ihn aufzufangen, sollte etwas passieren.
Da sagte eines Tages ein befreundeter Vater zu ihr: „Du bist aber auch eine Helikopter-Mutter! Lass ihn doch einfach!“

Verunsicherung auf allen Seiten
Und mit der daraus entstandenen Verunsicherung kam die Mutter zu mir. Denn plötzlich wusste sie nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte. Neigte sie wirklich zur Überbehütung? Wann ist es Zeit, Kinder alles allein ausprobieren zu lassen, ohne in der Nähe zu bleiben? Oder: Wie nah darf man bei einem Kind stehen, wenn es etwas Neues ausprobiert?
Tatsächlich ist es so, dass Kinder Ängste und Unsicherheiten seitens der Eltern spüren. Sie merken schon in sehr jungen Jahren, ob ihnen Dinge zugetraut werden oder nicht.

Gleichgewicht
Gleichzeitig braucht es die Anwesenheit der Eltern, um den Kindern Sicherheit zu vermitteln. Es ist diese Atmosphäre, in der sich Kinder trauen, Neues auszuprobieren, die Welt zu entdecken, und auch einmal die höhere Rutsche auszuprobieren.
Wie in vielen Punkten des Elternseins, heißt es bei diesem Thema auch ein Gleichgewicht zu finden, zwischen Loslassen und Präsenz; zwischen Vertrauen in die Fähigkeiten und eigenen Ängsten. Und dies ist ein für Eltern schwieriger Prozess, begleitet von vielen Fragen und Unsicherheiten.

Daher mein neuerliches Fazit – die Quintessenz meiner Erziehungstheorie: Achtet auf die Bedürfnisse eurer Kinder! Beobachtet sie, lest in ihren Reaktionen und wenn es schon möglich ist, fragt sie doch einfach! Genau so werdet ihr den richtigen Weg finden!

Eines wissen alle Eltern auf der Welt: … wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten

Als ich vor Kurzem diesen Satz der bekannten Schweizer Psychologin Alice Miller gelesen habe, musste ich lachen und bestätigend den Kopf nicken.

Alle Eltern kennen folgende Situation: Das Baby weint im Kinderwagen und dir selber völlig fremde Menschen kommen vorbei, schauen dich vorwurfsvoll an und geben dir Ratschläge wie „Vielleicht hat es Hunger.“ Ohne zu wissen, dass es vor fünf Minuten sein Fläschchen bekommen hat. Oder wenn ein Kind im Geschäft trotzig wird und schreit und alle um dich herum nur den Kopf schütteln und miteinander flüstern.

Neigung zu Vorverurteilungen
Wir Menschen neigen dazu, uns über alles und jeden sofort eine Meinung zu bilden. Und vergessen dabei, dass wir hinter das Geschehen blicken müssen. Nur weil wir zu einer Situation dazustoßen, wissen wir nicht, was davor passiert ist.

Folgende Szene: Eine Mutter sitzt am Spielplatz auf der Bank und telefoniert. Ihr Kind sitzt allein im Sandkasten und versucht Kontakt zu ihr aufzunehmen. Sie reagiert jedoch nicht. Kommt in uns nicht gleich der Gedanke auf: Das arme Kind! Wie kann die Mutter nur so herzlos sein? Wir haben aber nicht gesehen, dass die Mutter davor schon eine Stunde mit dem Kind im Sand gesessen ist und sie jetzt einen Anruf angenommen hat, auf den sie den ganzen Tag schon gewartet hat. Wir meinen einfach zu wissen, dass sie sich nicht um das Kind kümmert.

Selbstreflexion
Wir reagieren brüskiert, wenn andere Menschen ungefragt meinen, es besser zu wissen. Aber spüren wir nicht alle diesen Impuls manchmal in uns?! Hier heißt es, sich selber zu reflektieren. Kurz innezuhalten und sich zu fragen: Habe ich wirklich alle Informationen, um einer Beurteilung der Situation gerecht zu werden? Ich denke, wir sollten uns auf uns selber konzentrieren. Gleichzeitig aber zur Verfügung stehen, wenn jemand uns um einen Rat fragt.

Wir alle machen unsere Erfahrungen im Leben – theoretisch und praktisch. Und dennoch müssen wir vorsichtig sein und sensibel bleiben. Denn ohne ausreichende Informationen können und dürfen wir anderen Menschen keine Ratschläge geben. Und ungefragt bleiben sie sowieso ungehört…