Achtung! Vorsicht!

Vielleicht könnt ihr euch erinnern: Ende Jänner diesen Jahres habe ich einen Text zum Thema „Helikopter-Eltern“ geschrieben und wenn ihr mir erlaubt, möchte ich das Thema heute noch einmal aufnehmen.

Das Wandern ist…
Wie viele Familien sind auch wir im Sommer in den Bergen unterwegs. Meist geht es mit der Bahn hinauf und dann einen familienfreundlichen Rundweg am Gipfel entlang. Wir können uns inzwischen als glückliche Eltern schätzen, deren Kinder gerne laufen und dabei auch Dinge in der Natur entdecken. Da kommt es öfter vor, dass der Weg hinuntergerannt oder ein kleiner Felsen kletternd erklommen wird.

Vorsicht vs. Ängstlichkeit
So froh wir über die Neugierde und die Bewegungslust unserer Kinder sind, haben mein Mann und ich gleichzeitig einen inneren Konflikt beobachtet, der nahe an dem oben angeführten Thema entlanggeht:

Auf der einen Seite ist es die Aufgabe von Eltern, zukünftige Gefahren zu erkennen. Ist der Stein oder die Wurzel, über die geklettert wird, vom gestrigen Regen noch zu rutschig? Ist die Rutsche von der Sonne zu sehr aufgeheizt, als dass sie verwendet werden soll? Ist der Weg mit zu viel Geröll belegt, als dass es gut ist, ihn hinunterzurennen? Die Liste könnte natürlich noch unendlich lang fortgesetzt werden.

Aber dieser Gefahrenerkennung steht nun gegenüber, dass man als Eltern den Kindern etwas zutrauen sollte und seine Sorge nicht auf sie übertragen sollte. Kinder müssen Dinge erkunden dürfen. Vorsicht zu leben und Gefahren erkennen zu lernen, ist natürlich ein wichtiger Entwicklungsprozess. Gleichzeitig sollen Kinder nicht ängstlich aufwachsen.

Abwägen, abwägen, abwägen
Wie erwähnt, stehen mein Mann und ich – wie wahrscheinlich viele Elternpaare – immer wieder vor dem Moment, ob ein „Achtung!“ über unsere Lippen kommen soll. Dabei merken wir, dass wir uns nicht nur untereinander darin unterscheiden, ob wir eine Warnung aussprechen wollen, sondern es hängt zudem auch von unserer Tagesverfassung und der unserer Kinder ab, ob wir das Gefühl haben, es ist ein „mutiger“ Tag oder eher einer, an dem mehr Vorsicht geboten ist.

Ist nicht genau das ebenfalls eine wichtige Lektion, die wir unseren Kindern mitgeben können? Nicht an jedem Tag können wir uns das Gleiche zutrauen. Es heißt immer wieder von Neuem, die Gefahren und Freuden des Lebens abzuschätzen…

Ich bin doch kein Hubschrauber?!

Kennt ihr den Begriff der Helikopter-Eltern? Gemeint sind Eltern, die ständig um ihre Kinder „herumschwirren“.

Fall aus der Praxis
Mir begegnete der Begriff in einem Gespräch mit einer Klientin, die mir folgende Situation schilderte: Sie war mit ihren beiden Kindern – 5 und 2 ½ Jahre – am Spielplatz. Beide sind sehr neugierig und möchten alles ausprobieren, ob klettern, rutschen, schaukeln. Die Klientin versucht ihre Kinder darin zu unterstützen. Gleichzeitig fühlt sie sich wohler, wenn sie noch bei ihren Kindern dabeisteht. Wenn ihr Jüngster zum Beispiel bei der Rutsche die Leiter raufklettert, dann hat sie immer eine Hand bereit, um ihn aufzufangen, sollte etwas passieren.
Da sagte eines Tages ein befreundeter Vater zu ihr: „Du bist aber auch eine Helikopter-Mutter! Lass ihn doch einfach!“

Verunsicherung auf allen Seiten
Und mit der daraus entstandenen Verunsicherung kam die Mutter zu mir. Denn plötzlich wusste sie nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte. Neigte sie wirklich zur Überbehütung? Wann ist es Zeit, Kinder alles allein ausprobieren zu lassen, ohne in der Nähe zu bleiben? Oder: Wie nah darf man bei einem Kind stehen, wenn es etwas Neues ausprobiert?
Tatsächlich ist es so, dass Kinder Ängste und Unsicherheiten seitens der Eltern spüren. Sie merken schon in sehr jungen Jahren, ob ihnen Dinge zugetraut werden oder nicht.

Gleichgewicht
Gleichzeitig braucht es die Anwesenheit der Eltern, um den Kindern Sicherheit zu vermitteln. Es ist diese Atmosphäre, in der sich Kinder trauen, Neues auszuprobieren, die Welt zu entdecken, und auch einmal die höhere Rutsche auszuprobieren.
Wie in vielen Punkten des Elternseins, heißt es bei diesem Thema auch ein Gleichgewicht zu finden, zwischen Loslassen und Präsenz; zwischen Vertrauen in die Fähigkeiten und eigenen Ängsten. Und dies ist ein für Eltern schwieriger Prozess, begleitet von vielen Fragen und Unsicherheiten.

Daher mein neuerliches Fazit – die Quintessenz meiner Erziehungstheorie: Achtet auf die Bedürfnisse eurer Kinder! Beobachtet sie, lest in ihren Reaktionen und wenn es schon möglich ist, fragt sie doch einfach! Genau so werdet ihr den richtigen Weg finden!