An Erwartungen kann man ersticken

Vor einiger Zeit war ich auf einer Tagung zum Thema „Paarberatung“.
Gut: Das ist nun nicht unsere Hauptthema auf diesem Blog – auch wenn es eigentlich beim Thema Erziehung nicht unerheblich ist. Denn spielt nicht auch die Beziehung zwischen den Eltern eine Rolle darin, wie Erziehung gelingen kann?
Ich will mich heute aber nicht in diese Richtung gedanklich verlieren. Das nehmen wir vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf. Ich wollte dieses Mal auf eine andere, für mich sehr spannende Parallele eingehen.

Ich wünschte…
Ein Punkt, der bei dieser Tagung erwähnt wurde, der immer wieder zu großen Problemen in der Paarbeziehung führt, sind Erwartungen, die man an seinen Partner stellt. Sie werden vielleicht aus vergangenen Erfahrungen genährt, aus Büchern, aus Filmen oder aus Erzählungen von Freunden. Diese Erwartungen haben jedoch oft gar nichts mit der Realität zu tun und schon gar nicht mit dem Partner selber. Sie sind häufig überzogen und ihr Nicht-Erfüllen führt zu Enttäuschungen.
Dieses Phänomen können wir auch auf die Eltern-Kind-Beziehung übertragen.

Würdest du doch…
Als Eltern haben wir Erwartungen an unser Kind, wie es zu sein und sich zu verhalten hat, wie gut es in der Schule sein muss und welche Interessen es haben muss. Werden diese Erwartungen vom Kind nicht erfüllt, sind Eltern enttäuscht und lassen das ihr Kind oft auch spüren. Nun kann diese Enttäuschung in zwei Richtungen übertragen werden.
Entweder hadern sie mit ihren eigenen Fähigkeiten als Eltern, oder sie projizieren ihre Enttäuschung auf das Kind.
Im ersten Fall fragen sie sich, wieso sie es nicht geschafft haben, dass das Kind ihre Erwartungen erfüllt, die sie sich doch während der ganzen Schwangerschaft oder vielleicht sogar schon davor ausgemalt haben. Schließlich erzählen doch alle, dass ihre Kinder dies und jenes schon können. Oder dass ein Kind von klein an offen auf andere Kinder und deren Eltern zugeht und sich nicht schüchtern hinter dem Bein der eigenen Mutter versteckt. Oder dass ihre Tochter freudig am Morgen in die Spielgruppe rennt und nicht zögernd in der Türe stehen bleibt.
Für die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung sind die Auswirkungen noch gravierender, wenn sie dem Kind selber die „Schuld“ daran geben, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Das Kind hat versagt, sodass die Eltern nun mit der „Schmach“ und „Enttäuschung“ leben müssen.

Es ist gut so…
In einer Paarberatung besteht eine Aufgabe darin, sich von den vergangenen Erwartungen an seinen Partner zu distanzieren. Das jedoch nicht auf Grund von Resignation. Ein richtiges Kennenlernen eines anderen Menschen ist nur möglich, wenn ich ihm zunächst voller Neugier auf seine eigene Persönlichkeit begegne, ohne dass diese eben von Erwartungen überdeckt wird. Genau das gleiche gilt für ein Kind. Seiner Persönlichkeit, seinen Eigenschaften den Raum zur Entfaltung zu geben, ohne dass wir diese gleich durch Erwartungen ersticken. Das ist zentrale Aufgabe des Elternseins. Schließlich begegnet es uns Eltern doch auch mit unvoreingenommener Liebe und Neugierde.