Erziehung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Regelmäßige Fortbildungen sind für mich sehr wichtig, sowohl als Psychologin als auch als Mutter. Sie helfen mir mein Fachwissen aufzufrischen und zu aktualisieren und damit für meine Klienten und Klientinnen ein kompetentes Gegenüber zu sein. Je nach Thema sind sie jedoch auch für mein Leben als Mutter von großer Bedeutung.

Feinfühligkeit ist wichtig
Am vergangenen Wochenende habe ich einen Kongress zum Thema „Bindung und Persönlichkeit bei Kindern und Jugendlichen“ besucht. Wie ihr schon beobachten konntet, ein Thema, das mich aktuell sehr intensiv begleitet.

Eine der Referentinnen hat in ihrem Vortrag unter anderem wieder darüber gesprochen, dass die elterliche Feinfühligkeit für die Entwicklung einer sicheren Bindung von großer Bedeutung ist. Auch wir haben auf meinem Blog schon darüber diskutiert. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass hinter dieser Aussage schon ein ungeheurer Druck auf uns als Eltern lastet.

Nicht immer klappt alles
Denn kennt ihr das auch? Ihr habt so eure Werte im Kopf, eure Leitsätze und Vorhaben, wie ihr mit euren Kindern umgehen und sie begleiten möchtet. Dann blickt ihr am Ende eines Tages jedoch auf die letzten Stunden zurück und erkennt, dass ihr nicht in jeder – meist sind es die konflikthaften – Situation so reagiert habt, wie ihr euch das in der Theorie gewünscht habt. Manchmal wurdet ihr vielleicht lauter, als ihr euch das vorstellt, oder manchmal habt ihr auch nicht in der Geschwindigkeit auf die Bedürfnisse eures Kindes reagiert, wie es euer eigener Anspruch an euch verlangt.

„Reparierende Feinfühligkeit“
Für mich ist das immer wieder ein Knackpunkt: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis und die Erlaubnis, dass es Zeiten gibt, in denen hier eben ein Unterschied besteht und bestehen darf. Nicht jeder Tag ist gleich. Nicht immer haben wir als Eltern die gleichen Kräfte, die gleichen Nerven. Es gibt so viele verschiedene Faktoren, die mitspielen und mitbeeinflussen, dass wir nicht immer optimal reagieren können. Aber wir reagieren so, wie es in diesem Moment eben möglich ist.

Die oben angeführte Referentin hat in ihrem Vortrag dann noch einen erleichternden Zusatz gemacht, den ich auch euch gerne auf den Weg mitgeben möchte. Sie meinte nämlich eben auch, dass ein Tag aus Aufs und Abs besteht und dass wir nicht immer vollkommen feinfühlig reagieren können. Sie meint, dass sowohl die sehr hohe als auch die sehr niedere Feinfühligkeit für die Einwicklung kontraproduktiv sind. Vielmehr betont sie die Wichtigkeit einer „reparierenden Feinfühligkeit“: Wenn es in der Beziehung zum Kind zu Missverständnissen gekommen ist oder auch die Kommunikation nicht optimal war, dann ist Feinfühligkeit der Eltern wichtig.

Das ist befreiend
Genau darum finde ich Fortbildungen für mich so wichtig: Sie helfen mir, meinen eigenen Alltag als Mutter und als Fachperson in einem neuen Licht zu betrachten und stets in Bewegung zu bleiben. Sie befreien mich manchmal auch von selbstauferlegten Druck oder dem Anspruch von Perfektion.

Zudem ermöglichen sie mir, dieses Wissen mit euch zu teilen ;-).

Bindet euch!

Wenn wir uns als Eltern mit der Frage beschäftigen, was das Wichtigste ist, das wir unseren Kindern mit auf den Weg geben können, hören und lesen wir häufig den Ausdruck der „sicheren Bindung“. Auch ich beschäftige mich immer wieder mit dieser Theorie und den damit verbundenen Gedanken. So durfte ich am vergangenen Freitag auch nicht auf einer Tagung zu diesem Thema in Zürich fehlen. In zahlreichen Vorträgen wurde hier die Wichtigkeit einer sicheren Eltern-Kind-Bindung betont. Gerne möchte ich heute diese Überlegungen mit euch teilen.

Was bedeutet eine sichere Bindung?
Damit eine sichere Eltern-Kind-Bindung entstehen kann, sind zwei Aspekte von großer Bedeutung: elterliche Sensibilität sowie Vertrauen und Verlässlichkeit.

Elterliche Sensibilität
Babys und Kleinkinder sind von Geburt an abhängig von ihren Bezugspersonen – von ihren Eltern. Für eine gesunde Entwicklung ist wichtig, dass Eltern lernen, ihre Bedürfnisse zu lesen und auf sie einzugehen. Dabei müssen wir uns als Eltern immer vor Augen führen, dass nicht jedes Kind in jeder Situation dasselbe Bedürfnis hat. Es braucht die Auseinandersetzung mit ihm, um zu erkennen, welche Handlungen seitens Vater und Mutter notwendig sind.

Vertrauen und Verlässlichkeit
Elterliches Verhalten muss für ein Kind vorhersagbar sein. Für die kindliche Entwicklung ist es somit hinderlich, wenn zum Beispiel an einem Tag sein Verhalten mit Freude aufgenommen wird, während es am nächsten Tag bestraft wird. In diesem Umfeld kann es sich nicht frei entfalten und Dinge ausprobieren, sondern lebt in ständiger Furcht. Verlässlichkeit bedeutet für ein Kind zudem, dass es darauf vertrauen kann, dass die Eltern für es da sind. Sie müssen durch Erleben wissen, dass ihre Eltern da sind, dass sie zurückkehren, wenn sie gegangen sind.

Aber warum ist nun die sichere Bindung das höchste Ziel in der Erziehung?
Eine sichere Bindung verhindert nicht, dass es zu Konflikten zwischen Eltern und Kind kommt. Sie bewahrt Eltern nicht davor, dass sie in verschiedenen Situationen an ihre Grenzen kommen. Sie bedeutet für ein Kind auch nicht, dass es keine Regeln in seiner Entwicklung erlebt. Jedoch ist die vertraute Bindung zwischen Eltern und Kind die Basis dafür, dass auch schwierigere Zeiten durchtaucht werden können. Dass eben dann, wenn ein Konflikt im Raum steht, dieser gemeinsam gelöst werden kann.

Mark Thomas, ein Evolutionsgenetiker des Universitätskollegs London, sagt: „Es kommt nicht so sehr darauf an, wie schlau du bist, sondern wie du mit anderen verbunden bist.“ Denn nur, wenn ein Kind sichere Bindung erlebt und spürt, kann es auf Entdeckungsreise gehen. Erst aus diesem Hafen heraus, ist es ihm möglich, sich in die schöne und spannende, wenn auch manchmal raue und unberechenbare See, namens Leben, zu wagen.

Und es ist die sichere Bindung an die Eltern, die es Kindern ermöglicht, die für ihre Entwicklung so wichtigen Wurzeln zu entwickeln (wie im Blog-Beitrag „5 Gartentipps für stark verwurzelte Kinder“ beschrieben).