Kindliche Ängste: 2 Krisensituationen gewaltfrei und respektvoll lösen

Ein Gastbeitrag der Kinderbuchautorin Sandra Schindler

Ängste begleiten uns unser Leben lang. Von einigen Ausnahme-Menschen einmal abgesehen. Byron Katie zum Beispiel schreibt in ihrem Buch „A Thousand Names for Joy“, dass sie nicht einmal dann Angst empfindet, wenn ein gereizter Mann mit Pistole vor ihr herumfuchtelt und droht, sie umzubringen. Das glaube ich ihr sogar.

Doch für uns Normalsterbliche gehört Angst einfach dazu.

Warum neigen wir Eltern dazu, Angst nicht nur zu verdrängen, sondern versuchen sogar, sie unseren Kindern abzusprechen? Noch immer werden viel zu viele Kinder dazu erzogen, mutig und tapfer sein zu müssen.

Nur weil ein paar bindungsorientierte Mamas innerlich schreiend davonlaufen, wenn mal wieder der Satz „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ fällt, heißt das nicht, dass er deshalb in der „normalen“ Welt da draußen weniger gängig ist.

Anderes Beispiel: „Ach, da brauchst du doch keine Angst zu haben, das ist doch nur ein böser Traum gewesen!“ Ja, mag ja sein, aber Fakt ist: Das Kind hatte offensichtlich Angst vor dem Traum, sonst wäre es nicht schreiend aufgewacht und hätte sich an dich geklammert, in der Hoffnung, dass du ihm Halt gibst.

Wenn ein Kind in einer Angstsituation hört, dass sein Empfinden falsch ist, dass es ja diese Angst gar nicht zu haben braucht, sie bisweilen nicht einmal haben darf … das verunsichert.

Wir haben hier nicht selten das Thema Splitter. Immer wieder suchen sich die winzigen Holzstückchen ausgerechnet die Haut meiner Kinder aus, um sich darin einzunisten. Splitter tun weh. Aber das Rausmachen auch. Zumindest manchmal. Blöd nur: Das Kind merkt sich in der Regel nicht, wenn das „Entsplittern“ schmerzfrei vonstattenging, sondern nur, wenn es sich als schwieriger erwiesen hat als ursprünglich gedacht. Machen wir auch nicht anders, oder?

Ich hab heute noch eine Spritzenphobie, weil mir ein Mal eine Krankenschwester beim Blutabnehmen extrem wehgetan hat. All die Male danach, die nicht schlimm waren, die kompensieren noch immer nicht diesen Horror von damals, weil meine Angst in dem Fall viel stärker ist als meine Vernunft.

Ich sterbe nicht, wenn ich den Eingriff in meine Intimsphäre, diese schreckliche Blutabnehmerei, verweigere. Ich leide vielleicht nur ein wenig mehr, anstatt mir durch diesen kurzen, vielleicht schmerzhaften, vielleicht nicht schmerzhaften Eingriff das Leben zu erleichtern. Aber ich bin diejenige, die entscheidet, ob sie diesen Eingriff zulässt – oder eben nicht.

Genau das Gleiche gestehe ich auch meinen Kindern zu. Wir haben den Deal: Wenn etwas lebensbedrohlich ist, dann gibt es keine Diskussion. Aber in der Regel ist es das nicht. In der Regel geht es nämlich hier gar nicht so sehr um die Ängste der Kinder, sondern um die von mir als Mama.

Warum möchte ich den Splitter denn unbedingt entfernen? Weil ich Angst habe, dass mein Kind länger leidet, als nötig wäre. Und weil ich Angst habe, dass sich der Splitter entzünden könnte, dass sich also die jetzige Situation verschlimmert. Nur: In dem Moment lebe ich nicht im Hier und Jetzt, sondern mache mir Gedanken über Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind, ja, aller Voraussicht nach auch nie eintreten werden.

Neulich hatten wir wieder Splitteralarm. Ich sah mir das Ding an und erkannte, dass ich nicht einmal eine Pinzette brauchen würde, um es zu entfernen.

Dennoch: Meine Tochter ließ mich nicht ran. Alles gute Zureden half nichts. Und unter gutem Zureden verstehe ich nicht, ihr die Angst auszureden, sondern das Gegenteil: Ihr die Angst zuzugestehen und ihr das Gefühl zu vermitteln, dass ich sie verstehen kann und dass ich weiß, was in ihr vorgeht, weil ich genau das auch schon erlebt habe. Ich fühle mit ihr.

Manchmal ist die Angst des Kindes aber so groß, da nutzt jedes Mitgefühl nichts. Also mache ich mental einen Schritt zurück, akzeptiere meine eigene Angst sowie die des Kindes und sage: „Okay. Mein Angebot steht: Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Wenn du bereit bist, den Splitter rausmachen zu lassen, dann kommst du zu mir. Und wenn du nicht bereit bist, dann lassen wir ihn eben drin.“

Es dauerte eine ganze Weile. Mini brauchte Zeit. Zeit, um zu fühlen, dass der Schmerz doch unangenehm war. Dass der Splitter sie am Spielen hinderte. Zeit zu erkennen, dass ein potenzieller kurzer Schmerz beim Entfernen des Holzfitzels vielleicht doch das geringere Übel wäre. Und schließlich die Zeit, den Mut zu sammeln, um das Experiment zu wagen, genau diese Erkenntnis zu überprüfen.

Das Ende der Geschichte war: Mini kam irgendwann mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu mir, sagte: „Ich bin bereit!“, streckte mir die Hand entgegen – und ich entfernte den Splitter, ohne dass es ihr wehtat.

Ich weiß, dass Eltern nur das Beste wollen. Und manchmal erscheint einem eine kurze Übergriffigkeit als das kleinere Übel. Aber ist sie das wirklich?

Ich erinnere mich an eine andere Szene, die mein Handeln für immer beeinflusst hat. Ich versuchte, meiner anderen Tochter Augentropfen zu verabreichen. Es war ein schlimmer, schlimmer Machtkampf. Ich handelte aus Angst: Der Angst, dass diese Augenentzündung so übel enden könnte, wie man sich das eben in den schlimmsten Fällen ausmalen konnte. Davor wollte ich meine Tochter bewahren. Aber die Tropfen taten ihr weh, das wusste sie aus Erfahrung. Sie konnte es nicht mehr ertragen.

Hätte ich ihr die Tropfen mit Gewalt verabreicht, ich bin mir sicher, diese Szene hätte sich für immer in ihre Seele eingebrannt. Ich möchte jedoch ein Miteinander, eine auf Liebe, nicht auf Angst basierende Beziehung.

Also entschied ich, das mit dem Antibiotikum einfach zu lassen. Zumal ich ohnehin unsicher war: Eine Augenentzündung kommt zu 50 % von Viren, zu 50 % von Bakterien, aber nur gegen die Bakterien kann ein Antibiotikum überhaupt etwas ausrichten. Was, wenn nun Viren die Entzündung verschuldet hatten und ich mein Kind umsonst mit den Tropfen quälte? Dafür wollte ich nicht verantwortlich sein, diese Schuld wollte ich mir nicht aufladen.

Wir beschlossen abzuwarten – und meine Tochter versprach mir, wenn es schlimmer würde, wenn es wirklich und definitiv hart auf hart käme, würde sie die Tropfen nehmen. Aber es wurde nicht schlimmer. Es wurde besser. Und unsere Beziehung wurde auch besser, denn es war der Beginn einer neuen Ära.

Es ist niemals okay, einen Menschen zu etwas zwingen zu wollen, nur weil man selbst meint, die Situation besser zu durchschauen, weil dem Kind ja die Erfahrung und die Weitsicht fehlt.

Ist das wirklich wahr? Wenn man ehrlich ist, nicht. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Kinder oftmals viel weitsichtiger sind als Erwachsene, weil sie viel stärker auf ihre Intuition hören.

Abgesehen davon: Jeder Mensch lebt immer in seiner eigenen, subjektiven Blase. Aber kann ich aus einer solch eingeschränkten Weltsicht wirklich sicher sein, dass das, was ich tue, richtig ist? Nein, kann ich nicht, besonders dann, wenn es gar nicht um mich geht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte niemanden verurteilen. Jeder kommt – gerade in der Kindererziehung – immer wieder in Situationen, in denen er auf die Probe gestellt wird. Und nicht selten verhalten wir uns falsch. Zumindest sehen wir das später so. Ich glaube aber, es gibt kein Falsch. Es gibt nur ein Lernen aus Fehlern. Und solange die Kinder in den Lernprozess eingebunden werden, ist das in Ordnung. Kinder können verzeihen. Oft viel besser als Erwachsene.

Wichtig finde ich, stets das eigene Handeln zu hinterfragen. Und die eigenen Ängste ebenso zu akzeptiere wie die der Kinder. Wenn sich daraus ein Konflikt ergibt, tut der Erwachsene gut daran, die eigenen Ängste zuerst zu hinterfragen, um überhaupt in der Lage zu sein, die Ängste der Kinder wirklich verstehen und akzeptieren zu können. Erst dann kann man handeln. Zum Beispiel, indem man erklärt, wie man eine Situation empfindet, was man deshalb tun würde und warum.

Dann braucht das Kind Zeit. Zeit, um sich selbst über seine Ängste klarzuwerden. Und um als eigenständiger Mensch zu entscheiden, wie es mit diesen Ängsten umgehen möchte. Wenn es mich als Mama zur Bewältigung seiner Ängste braucht, bin ich da, um zu helfen. Das ist das Beste, was ich tun kann, damit meine Kinder eigenverantwortliche, respektvolle Menschen bleiben, die ihre Fähigkeit, Empathie und vor allem Liebe zu empfinden, nicht nur behalten, sondern sie auch an andere weitergeben können.


Sandra Schindler schreibt bedürfnisorientierte Kinderbücher jenseits des Mainstream. Im Herbst 2017 erschien ihr neustes Buch, „Flim Pinguin im Kindergarten
, ein Kinderbuch, das Kindergartenneulingen die Trennungsangst nehmen und ihnen die Anfangszeit erleichtern soll.

Auf ihrem Blog schreibt Sandra über ihr Leben als alternative Mutter, sammelt Bericht über Eingewöhnungen aus aller Welt, interviewt spannende Menschen aus der Buchbranche und darüber hinaus und stellt Kinderbücher sowie einige ihrer (veganen) Lieblingsrezepte vor.

Die Angst muss erlaubt sein

Dürfen Kinder Ängste haben oder müssen sie sich diesen schnellmöglich stellen und sie überwinden?

Manche von euch nicken vielleicht gleich und sagen sich, natürlich haben sie Ängste und nein, sie sollen sich Zeit nehmen. Das Leben hat seine unheimlichen Seiten, die Angst machen und das ist erlaubt. Andere von euch wiederum vertreten vielleicht die Ansicht, dass Kinder sich ihren Ängsten stellen sollen, dass sie nicht davonlaufen sollen, weil sie sonst zu „Angsthasen“ werden.

Noch immer unheimlich…
Vor einem Jahr, an gleicher Stelle, hatte ich das Thema schon einmal in Hinblick auf den Fasching/Karneval – und ich muss ehrlich sagen, es lässt mich auch heuer wieder nicht los. Am vergangenen Wochenende war wieder der erste große Umzug im Lande. Direkt neben uns konnte ich dabei eine Familie mit zwei Kindern beobachten. Diese Beobachtung und meine Gedanken dazu möchte ich gerne mit euch teilen.

Eines der beiden Kinder – zwei Jungs – stand am Straßenrand und sammelte eifrig Süßigkeiten. Der andere Bub wurde von seinem Vater auf dem Arm getragen. Beide waren in etwa im Kindergartenalter.

Wer erlaubt den Rückzug?
Und wie es – leider immer noch – so ist bei den Umzügen, gibt es nicht nur die fröhlichen, lustigen Gestalten, sondern auch die gruseligen, die mit Absicht Leute erschrecken. Sie tragen Masken, sodass man nicht erkennen kann, wer darunter verborgen ist. Für kleine Kinder ist zunächst nicht einmal begreifbar, dass es sich hier um Menschen handelt.

Nun konnte ich beobachten, dass sich eine Gruppe solcher Gestalten dieser Familie nähert und das fand ich dann sehr interessant: Der Junge, der selber entscheiden konnte, ob er stehen bleibt oder sich ein wenig zurückzieht, wählte den Rückzug. Man konnte ihm ansehen, dass diese Figuren ihm unheimlich sind und er nicht so nahe an ihnen dran sein möchte. Der andere, der auf dem Arm des Vaters war, hatte keine Chance. Er drehte sich zwar weg und versuchte „abzutauchen“, aber sein Vater blieb stehen.
Und wie es so ist, stürmte dann tatsächlich eine dieser Schreckgestalten auf das Kind zu. (Ist mir übrigens unverständlich, wie sich hier ein erwachsener Mensch ein Kleinkind zum Erschrecken aussuchen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Auf jeden Fall bewegte sich der Vater nicht von der Stelle, weil er entweder die Furcht bei seinem Kind nicht wahrgenommen hatte, oder wollte, dass es sich der Angst stellt. Das Kind hatte keine Chance, die Situation zu verlassen und begann zu weinen. Nun muss ich gerechterweise dem Verkleideten noch ein Lob aussprechen. Denn sobald er das bemerkt hatte, hob er seine Maske und zeigte dem Kind, dass er „nur“ ein Mensch ist. Auch der Vater wirkte auf mich leicht entsetzt, welche Ängste die Situation beim Kind doch noch ausgelöst hat.

Angst auch als Schutz
Nicht nur, dass mich in solchen Situationen erschüttert, dass man so mit den Ängsten der Kinder spielen muss. Kinder leben ihre Emotionen echt und ehrlich aus. Und Angst ist eine wichtige Emotion, die uns auch beschützt und Gefahren erkennen lässt. Ich denke, es ist wichtig, dass Kinder dieses Gefühl spüren dürfen und vor allem auch haben dürfen. Die Sorge, dass ihre Kinder „Angsthasen“ werden, ist eher in den Erwachsenen begründet und müsste oft von ihnen genauer unter die Lupe genommen werden.

Ihr merkt, es ist für mich ein wichtiges Thema. Ich tausche mich auch immer wieder mit meinen Blogger-Kolleginnen darüber aus. Unter anderem habe ich mit der Buchautorin Sandra Schindler zum diesem Thema einen regen Austausch geführt und sie hat sich netterweise bereiterklärt, einen Gastbeitrag zu schreiben. Diesen werde ich in ein paar Tagen auf meinem Blog veröffentlichen.

Das „Spiel“ mit der Angst

Eltern sind ja manchmal sehr „kreativ“, wenn es darum geht, bei ihren Kindern unerwünschtes Verhalten zu verhindern.

Wer muss die Verantwortung übernehmen
Mögliche Aussagen sind zum Beispiel „Der Nasenbär wird dir die Nase stehlen, wenn du nicht aufhörst, darin zu bohren“ oder „Die Hände werden dir noch abfallen, wenn sie so schmutzig sind.“ Oder auch ganz beliebt: „Wenn du dir die Zähne nicht ordentlich putzt, sammeln sich da kleine Männchen drin und bauen sich ein Haus in den Löchern.“
Für den Erwachsenen mögen die Aussagen auf der einen Seite zwar lustig sein und primär das Ziel im Vordergrund haben, das unerwünschte Verhalten zu beenden. Jedoch dürfen wir dabei unsere „Macht“ als Erwachsene nicht unterschätzen: Denn Kinder glauben, was wir ihnen sagen. Sie vertrauen auch darauf, dass wir es ernst mit ihnen meinen. So birgt die beschriebene Vorgehensweise natürlich, dass das Kind Angst entwickelt.
Manchmal neigen Eltern auch dazu, die Erziehungsverantwortung an andere Figuren abzugeben – beliebt sind da der Nikolaus oder auch Angstfiguren aus dem Kasperltheater.

Zwei Punkte zu beachten
1. Es darf nicht das Anliegen von Eltern sein, Kindern Verhalten mit Angst abzugewöhnen. Wir müssen uns die Zeit nehmen, ihnen zu erklären, warum wir ein Verhalten nicht sehen wollen oder warum es ihnen auch schadet.

2. Eltern sollten auch die Verantwortung für ihre Ansichten übernehmen. Manchmal ist es einfacher den bösen „Cop“ an jemand anderen abzugeben und zu sagen „Wenn du dir den Schnuller nicht bald abgewöhnst, kommt der Nikolaus mit dem Krampus und reißt ihn dir aus der Hand“. Doch schlussendlich ist es der ehrlichere Weg dem Kind zu sagen, dass wir als Eltern der Ansicht sind, dass es inzwischen zu alt für einen Schnuller ist und es zudem den Zähnen schadet. Und gerade weil wir es da beschützen wollen, wird der Schnuller nun weggenommen. Dann ist das Kind wahrscheinlich eine Zeit lang wütend auf uns, doch bleibt es unsere Aufgabe, das auszuhalten.

Schon in meinem Beitrag über „Wo Ironie fehl am Platz ist“ habe ich die Bedeutung betont, Kinder ernst zu nehmen und Kinder nicht zu veräppeln. Denn sie vertrauen uns. Und dieses Vertrauen ist für uns als Erwachsene eine große Ehre und damit sollte auch sorgsam umgegangen werden.