Ene, mene, muh, mein Freund bist du!

Kennt ihr auch diese Situation? Ihr seid neu in einer Gruppe und kennt dort niemanden. Da heißt es, langsam Kontakt zu anderen aufnehmen, sich ein wenig kennenlernen und schauen, wer einem zusagt.

Die Fremde-Situation
Kinder sind dieser Situation sehr häufig ausgesetzt – oftmals, ohne dass Eltern das bewusst wahrnehmen. Wenn Eltern sich mit Freunden treffen, die ebenfalls Kinder haben, gehen sie häufig davon aus, dass die Kinder gleich miteinander spielen. Wenn Eltern mit ihren Kindern in eine Kinder-Musik-Gruppe gehen, gibt es mitunter die Erwartung, dass alle Kinder sich gleich in einem Kreis aufstellen und an der Hand nehmen. Wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt, wird davon ausgegangen, dass die Kinder auf alle zustürmen. Am Spielplatz werden die Kinder zu den anderen Kindern in den Sandkasten gesetzt mit dem Satz „Jetzt spielt mal miteinander“.

Freiheit in der Suche
In all diesen beschriebenen Momenten – und davon gibt es noch unzählige mehr – vergisst man als Erwachsener gerne, dass die Kinder keine Freiheit bekommen, sich ihre Menschen auszusuchen. Nur weil die Eltern befreundet sind, heißt es nicht automatisch, dass auch die Kinder die gleichen Interessen haben. Nur weil man verwandt ist, müssen Kinder nicht gleich allen in die Arme fallen.
Kindern geht es im sozialen Umgang nicht anders als Erwachsenen. Sie brauchen Zeit, sich an neue Situationen und neue Menschen zu gewöhnen. Und ob verwandt, bekannt oder befreundet: Für die Kinder sind es zunächst fremde Menschen. Sie müssen sie kennenlernen und selber erleben, ob Sympathie besteht oder nicht.
Manchmal kann es dann auch zu unangenehmen Situationen kommen, weil die Kinder eben nicht miteinander spielen wollen oder der Tante nicht mit offenen Armen entgegenlaufen. Doch nehmen wir Kinder in ihrer eigenen Persönlichkeit ernst, muss ihnen – wie Erwachsenen auch – die Möglichkeit gegeben werden, sich ihren Kreis vertrauter Personen selber auszusuchen.

Zudem: auch nicht jede(r) kann kuscheliger Vertrauter sein
Und habt ihr dieses Phänomen nicht auch schon in einem anderen Zusammenhang beobachtet?! Da kaufen die Eltern ihrem Neugeborenen voller Freude ein Kuscheltier, das in ihren Erwartungen das Lieblingskuscheltier ihres Kindes wird. Und dann zeigt sich, dass ihr Kind viel lieber einen uralten Teddybär nimmt oder eine Fledermaus, die als Werbegeschenk bei einem Einkauf dabei war…

Der Beziehungsfisch

Heute gehen wir gemeinsam der Frage der Verstärkung von Verhalten nach, der Frage nach Belohnung. Es geht dabei um einen ganz bestimmten Aspekt.

Belohnung – Machen? Und wann?
Meistens belohnen wir unsere Kinder, wenn sie etwas gut gemacht haben oder in unseren Augen brav waren. Doch sind das die Momente, in denen die Kinder wirklich das Signal brauchen, die Beziehung zu ihren Eltern stimmt?
Stellen wir uns vor, es ist ein Tag, an dem gar nichts Besonderes passiert ist. Oder wir machen noch eine Steigerung in der Überlegung: Es ist ein Tag mit zahlreichen Konflikten und Auseinandersetzungen. Sind es nicht eher diese Situationen, in denen es besonders wichtig ist zu zeigen, dass es zwar ein schwieriger Tag oder ein normaler Tag war, dass aber die Beziehung zueinander weiter intakt ist?

Der Beziehungsfisch
Untermauert werden diese Überlegungen durch eine Geschichte, die ich vor Kurzem in einem Seminar von Dr. Helmut de Waal gehört habe. Er spricht hier vom „Beziehungsfisch“.
Zurück geht die Idee auf den Anthropologen Gregory Bateson. Er beobachtete einen sehr guten Delphintrainer, dessen Delphine besonders kreative und neue Verhaltensweisen zeigen.
Beim Delphintraining wird erwünschtes Verhalten durch einen Fisch belohnt. Doch muss dieses Verhalten ja zunächst irgendwie gelernt werden. Und genau das war die Stärke ebendieses Trainers.
Bateson beobachtete den Trainer, konnte aber auch nur das übliche Verhalten erkennen: einen Fisch für gewünschtes Verhalten, keinen bei unerwünschtem Verhalten. Eines Tages jedoch beobachtete er, dass der Trainer den Delphinen immer wieder „Extrafische“, sogenannte „Beziehungsfische“ gab. Sie stellten keine Belohnung dar, weil der Delphin eigentlich nichts geleistet hat. Normalerweise würden wir davon ausgehen, dass die Delphine dadurch verwirrt werden. Bateson fragte beim Trainer nach, warum er diese Fische gibt und er meinte: „Einfach nur so. Weil wir uns verstehen, weil die Sonne scheint, und die Delphine können das genau unterscheiden.“ (de Waal, 2003)

Befreiung
Diese Geschichte zeigt uns zweierlei: Den Kindern die Intaktheit der Beziehung zu zeigen, ist besonders in Konfliktsituationen oder in Zeiten, in denen nichts Besonderes passiert, wichtig. Und gleichzeitig befreit sie uns von der ständigen Sorge, ob wir nicht zu viel belohnen, ob wir nicht den vorausgegangen Konflikt klein machen. Doch eigentlich zeigen wir damit nur das, was die Eltern-Kind-Beziehung so einzigartig und wertvoll macht: Egal was passiert und auch wenn es einmal nicht so gut läuft, ich mag dich!

Wow! Vielen Dank euch!

Am Rosenmontag hatte erziehungsgedanken.com erstmals über 100 Besucher pro Tag! Nach nur zwei Monaten freue ich mich riesig über euer Interesse und das zahlreiche positive Feedback!

Gerne nutze ich die Gelegenheit und möchte euch nach euren Erlebnissen fragen. Gibt es ein Thema, das euch besonders beschäftigt? Gerne nehme ich eure Anregungen auf und freue mich über Post!

Bis dahin, liebe Grüße

Veronika

 

 

Von Gruselclowns und wilden Hexen

Der Fasching/Karneval geht bald zu Ende und ich möchte am Ende dieser „5.Jahreszeit“ eine Beobachtung mit euch teilen. Wir Erwachsene gehen davon aus, dass Kinder vom Fasching begeistert sind. Die bunten Kostüme, das Lachen, die Musik und die vielen Süßigkeiten müssen Kindern doch gefallen.

Das Unheimliche der Maskierung
Doch ich frage mich immer wieder, ob dies alles nicht auch viel Unheimliches für unsere Kinder birgt.
Nicht nur, dass ein tatsächlicher körperlicher Größenunterschied besteht, der die Figuren für Kinder oft noch unheimlicher macht. Dies kann durch das Verhalten der „Narren“ noch verstärkt werden. Eine Hexe soll mit ihrer Maske Furcht bewirken. Ein Clown hat einen riesengroßen Mund, eine große rote Nase und auch die Füße sind überdimensioniert. Alles ist im Fasching ein wenig lauter, ein wenig bunter, weil die Maskierung Erwachsenen auch den Schutz gibt, eine Seite auszuleben, die im normalen Alltag keinen Platz hat.

Vorsicht muss erlaubt sein
Lasst uns in der Position eines Kindes bleiben. Ein Kind versteht nicht von Anfang an, dass hinter der ganzen Maskierung ein „normaler“ Erwachsener steckt. Sie sehen nur das, was vor ihnen steht, und das löst Gefühle aus. Und manchmal kann das auch Angst und Furcht sein. Da möchten sie beim Faschingstreiben lieber einen Schritt zurückgehen oder sich gar hinter Mutter und Vater verstecken. Und das ist nun mit ein entscheidender Punkt für das Kind: Bekommt es die Möglichkeit, sich alles aus einer sicheren Entfernung anzusehen? Denn eines ist klar: Bei aller Ängstlichkeit bleibt beim Kind auch die Neugier: Es möchte sich den Clown schon ansehen oder mit einem Auge beobachten, was die Hexe macht.

Ein Appell für die Beobachtung
Ich glaube, wir müssen als Erwachsene hier sensibel sein – weg von der Überzeugung, dass jedem diese Narrheiten gefallen müssen. Denn ganz ehrlich: Sind nicht auch für uns manche Hexen und Clowns unheimlich?! Und sind nicht auch wir froh, wenn sie uns am Faschingsumzug unbeachtet lassen und an uns vorbeiziehen?!
So unterstützen wir unsere Kinder meiner Meinung nach darin, dass sie keine Masken tragen müssen, sondern ihre Gefühle offen und ehrlich zeigen. Wir lassen  ihnen die Möglichkeit, sich im Hintergrund zu halten und aus dieser Distanz entdecken, ob sie Faschingsnarren sind oder eher wieder die ruhige Zeit bevorzugen. Sie können ja dann im nächsten Jahr auf neue Entdeckungsreise in dieser außergewöhnlichen Zeit gehen…

Kinder! Essenszeit!

Essen nimmt in unserem Leben einen wichtigen Platz ein. Wir Erwachsene treffen uns auch mit Freunden und gehen gemeinsam Essen, zelebrieren dies manchmal einen ganzen Abend lang. Doch geht es um das Essen mit Kindern, kommt unweigerlich das Gefühl von Hektik auf.
Immer wieder frage ich mich, warum das Essen mit Kindern für uns Erwachsene schon von vornherein eine Stresssituation ist. Dabei wollen Kinder essen. Schon von klein auf sind sie neugierig auf Nahrungsmittel. Sie wollen sie erkunden, probieren, manchmal natürlich auch ablehnen.

Reine Sättigung vs. Familienzeit
Das Ritual des Essens kann mehrere Zwecke erfüllen. Es dient auf der einen Seite der Nahrungsaufnahme, der Sättigung. Auf der anderen Seite bringt es die Familienmitglieder auch an einem Tisch zusammen. Es ist eine Zeit für Unterhaltung und gegenseitiges Wahrnehmens.
Wir können beobachten, dass Familien dieses Ereignis sehr unterschiedlich gestalten. Für manche geht es nebenher. Da wird einmal ein Bissen genommen, dann laufen die Kinder wieder herum. Es ist eine ständige Unruhe, in der man sich nicht unterhalten kann. In anderen Familien wiederum sind es stundenlange Rituale, in denen die Kinder so lange sitzen bleiben müssen, bis auch die Erwachsenen ihren Teller leer gegessen haben.

Genusserleben schon von Anfang an
Ich komme bei diesem Thema nicht an folgender Frage vorbei: Sollte Essen nicht genussvoll sein, eine sinnliche Erfahrung? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man vor allem im Alltag das Gefühl hat, Essen muss einfach nur schnell erledigt werden. Doch ist es nicht gerade unter diesen Bedingungen wichtig, gemeinsam am Tisch zu sitzen und die Zeit für ein gemeinsames Gespräch zu nutzen?
Gleich vorweg: Kinder können nicht stundenlang sitzen. Wenn sie ihren Teller aufgegessen haben, dann möchten sie aufstehen und wieder hin zu neuen Abenteuern. Aus der Erfahrung und der Beobachtung habe ich gelernt, dass es dann gut ist, die Kinder ziehen zu lassen. Wenn sie lernen, dass sie aufstehen können, sobald sie fertig gegessen haben und nicht warten müssen, bis es auch die Erwachsenen sind, dann finden sie die Ruhe zum Essen. Sie lernen gleichzeitig auch zu beobachten, ob sie wirklich satt sind. Denn ein Hin und Her gibt es nicht. Wenn der Tisch zum Spielen verlassen wurde, dann ist das Essen auch beendet.

Essen als etwas Wertvolles
Essen sollte nie nur nebenher passieren. Essen sollte eine Wertigkeit im Familienalltag bekommen, bei dem alle zusammensitzen, die gerade zu Hause sind und gemeinsam genießen. Und nicht immer sind es die Kinder, die warten müssen: Manchmal sind es die Kinder, die gerade diese gemeinsame Zeit sehr genießen und die Eltern neben dem Essen mit den abenteuerlichsten Erzählungen erfreuen.

Schlaf Kindlein schlaf… aber Wo?

Kennt ihr auch dieses abendliche Sitzen am Bett eures Kindes und Warten, dass es einschläft? Das scheint dann auch so zu sein. Doch sobald ihr aufsteht, sehen euch wieder zwei hellwache Augen an und alles beginnt von vorn? Oder kennt ihr auch das nächtliche Geräusch der tapsenden Füße über den Boden in Richtung eures Schlafzimmers?

Ich kenne das nur zu gut, sowie auch den Blick, den mein Mann und ich uns dann zuwerfen. Eines unserer Kinder ist im Anmarsch und nimmt Kurs auf unser Bett. Und dann kommt die entscheidende Frage: Heben wir die Bettdecke und lassen es darunter schlüpfen, oder heben wir die Bettdecke und stehen auf, um es wieder in sein Zimmer zurückzubringen.

Mittelweg
Es gibt unterschiedliche Ansichten, was diese Frage anbelangt. Es gibt die Meinung, dass ein Kind niemals im Elternbett schlafen sollte, da es dann nie im eigenen schläft. Oder es gibt die Vertreter des sogenannten „Familienbetts“, in dem alle Familienmitglieder gemeinsam schlafen.
Wie in so vielen Bereichen der Erziehung ist es auch hier eine Frage der Abwägung.
Hin zur Entscheidung komme ich nicht umhin, mich folgende Dinge zu fragen: Wieso kommt mein Kind? Ist es krank und fühlt sich nicht wohl? Hat es schlecht geträumt und braucht das Gefühl von Schutz und Nähe? Und dann stelle ich mir mich selber vor: Will ich in so einer Situation allein sein?

Gefühl von Schutz
Die Nacht und ihre Dunkelheit hat etwas Unheimliches. Ein Kind muss erst lernen, zu vertrauen, um in diesen Stunden allein sein zu können. Nicht ohne Grund brauchen viele Kinder die Nähe ihres Lieblingskuscheltieres. Manchmal reicht diese Nähe jedoch nicht aus. Es sind dann die Eltern, die das Gefühl von Schutz vermitteln müssen.
Ändern wir zum Abschluss noch den Blickwinkel und gehen weg von der Sorge, dass unser Kind dann ewig in unserem Bett schläft – denn irgendwann wird es ganz sicher die Privatsphäre des eigenen Bettes bevorzugen: Wenn wir als Eltern nur durch unsere bloße Anwesenheit einem Kind das Gefühl von Geborgenheit vermitteln können, sodass es sich in die Schutzlosigkeit des Schlafes fallen lässt, ist das nicht das größte Kompliment? Und wenn wir durch diese an sich einfache Handlung Ruhe in die Nächte bringen, sollten wir das dem Kind und auch uns selber verwehren?!