Die Geschichte mit der toten Maus – oder was wir von unseren Kindern lernen können

Zwischendurch habe ich mir schon überlegt, eine Rubrik zu machen „Was wir als Eltern von unseren Kindern lernen können“. Denn sowohl die Erzählungen, die Beobachtungen, als auch meine eigenen Kinder versetzen mich immer wieder in Erstaunen.

Ich möchte heute daher mit zwei Geschichten einer Bekannten starten, die mich sehr berührt haben.

Erste Geschichte – Die Maus vor der Garage
Meine Bekannte kam mit ihren Kindern vom Kindergarten nach Hause und fuhr das Auto in die Garage. Als sie am Tor vorbeigingen, blieb ihr vierjähriger Sohn stehen und zeigte auf eine tote Maus. Und er fragte „Mama, was macht die da?“. Und wie alle Mütter schwankte sie einen Moment zwischen der Antwort „Sie schläft nur“ und der Wahrheit „Sie ist tot“. Ihr Sohn ließ ihr aber keine Möglichkeit für den Schwindel und ergänzte gleich: „Ist sie tot?“ Meine Bekannte bejahte und meinte, dass der Vater sie nachher auf den Kompost geben wird.
Diese Antwort war aber gar nicht das, was ihr Sohn hören wollte. Neben Fragen zum Tod meinte er mit strenger Miene, dass man sie ordentlich in die Erde vergraben und ihr ein richtiges Grab mit Blumen machen muss, damit sie von ihren Freunden besucht werden kann.

Und als am Abend der Vater – vorgewarnt und informiert von der Mutter – nach Haus kam, war auch gleich die erste Frage seines Sohnes, wo er die Maus begraben hat und ob er auch schöne Blumen ausgesucht hat.

Zweite Geschichte – Die Fliege unterm Tisch
Vor Kurzem erzählte mir dieselbe Bekannte eine ähnliche Geschichte.

Unter dem Esstisch entdeckte ebendieser Junge eine tote Fliege. Er ging zu seinem Vater und zeigte sie ihm. Dieser war im ersten Moment nicht sehr beeindruckt und sagte, dass sie nachher beim Staubsaugen eh eingesaugt wird. Den entsetzten Blick, den er für diese Antwort von seinem Sohn bekommen hat, wird er so schnell wohl nicht vergessen. „Nein! Nicht einfach einsaugen! Die muss nach draußen in die Erde!“ war der entsprechende Vorwurf.

Ein Lernfeld für Erwachsene
Die unbedachten Reaktionen der Erwachsenen in den beiden beschriebenen Geschichten, wurden schnell von der Sensibilität ihres Sohnes bestraft. Und meine Bekannte meinte auch, dass sie das sehr nachdenklich gestimmt hat und sie gemeinsam mit ihrem Mann besprochen hat, hier zukünftig vorsichtiger zu sein.

Der Begriff „Erziehung“ impliziert für uns Erwachsene zwar stets, dass wir den Kindern etwas beibringen sollen, dass wir ihre Vorbilder sind. Doch verdeckt er unter diesem Gesichtspunkt nicht eigentlich, dass auch Kinder Vorbilder für Erwachsene sein können, wenn sie richtig wahrgenommen werden?!

Diskussion zu „Wieviel Gefühl ist erlaubt“

Aus meinem letzten Blog-Beitrag „Wieviel Gefühl ist erlaubt“ ist eine Diskussion entstanden, an der ich euch gerne teilhaben lassen möchte.
Eine Mutter hat mich auf den letzten Satz in meinem Beitrag angesprochen: Und Kinder wollen in einem zu Hause aufwachsen, in dem laut gelacht wird, in dem bei einer gruseligen Geschichte alle große Augen bekommen oder in dem bei einem traurigen Anlass auch Tränen erlaubt sind.“
Als sie ihn gelesen hat, hat sie sich die Frage gestellt, was ist, wenn Eltern nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen oder wenn sie einfach nicht der Typ sind, zum Beispiel laut zu lachen. Werden die Eltern dann nicht mit meiner Aussage unter Druck gesetzt?
Es ist ja tatsächlich so, dass Menschen sehr unterschiedlich im Ausleben ihrer Gefühle sind. Und diese können und sollen nur authentisch gelebt werden.

Wir haben dann vor allem zwei Aspekte diskutiert:
1. Das gemeinsame Lachen
Eigentlich geht es bei Gefühlen weniger darum, den Kindern etwas vorzuleben. Es steht vielmehr im Vordergrund, gemeinsam etwas zu erleben. Gemeinsam über eine lustige Geschichte zu lachen oder sich gemeinsam zu gruseln.

2. Kinder als Vorbilder
Und zudem: Können wir als Erwachsene nicht auch von unseren Kindern lernen, mit Gefühlen umzugehen? Vor allem kleine Kinder zensieren sich nicht. Wenn sie traurig sind, dann weinen sie. Wenn sie wütend sind, dann drücken sie das auf eine sehr direkte Art aus. Und wenn sie etwas lustig finden, dann lachen Kinder ein befreites, herzhaftes und meist ansteckendes Lachen.

Als wir darüber gesprochen haben, ist mir ein Erlebnis eingefallen.
Als ich vor Kurzem spazieren war, habe ich eine Mutter mit ihren Kindern beobachtet. Und diese Kinder haben lauthals gesungen. Man sah ihnen die Freude daran richtig an.
Und allen, die an dieser singenden Gruppe vorbeigegangen sind, zauberte es ein Lächeln aufs Gesicht. Ich selber musste auch Lächeln und dachte mir gleichzeitig: Manchmal könnten wir Erwachsene von Kindern wirklich etwas lernen: Diese Freiheit zu tun, was ich empfinde. Denn was Kinder wirklich immer sind, ist ehrlich. Sie lachen, wenn sie Freude empfinden. Aber sie lassen sich auch kein Lachen aufzwingen, wenn sie etwas nicht lustig finden. Und so sollte es bei allen Menschen sein: Gefühle ausdrücken, die ich empfinde, auf eine Art und Weise, die mir selber entspricht.

Wieviel Gefühl ist erlaubt?

Ein Bekannter erzählte mir folgende Episode:
Er war mit seinen Kindern zu Hause. Da seine älteste Tochter gerade sehr an Musikinstrumenten interessiert ist, hat er mit ihnen ein Orchesterkonzert angesehen. Er erzählt, dass das Spielen von Trompeten ihn immer ein wenig sentimental macht, und er beim Hören öfter Tränen in den Augen hat. Aber, betonte er, dass er mit aller Kraft versucht hat, dies vor seinen Kindern zu unterdrücken. Ich habe ihn darauf nach dem Grund gefragt und er meinte nur: „Ich kann doch vor den Kindern nicht weinen!“

Eltern ohne Gefühle
Diesem Irrglauben unterliegen viele Erwachsene. Sie vertreten die Ansicht, dass sie vor ihren Kindern jegliche Gefühlsregung zurückhalten müssen. Sie dürfen keine Angst haben, keinen Ärger verspüren und schon gar keine Tränen zeigen – sei es auch nur aus Rührung. Doch was würde dies für unsere Kinder bedeuten? Sie hätten völlig emotionslose Eltern. Sie hätten Eltern, die immer nur gut gelaunt, aber nicht authentisch sind. Und sie hätten keine Vorbilder dahingehend, wie man adäquat mit Gefühlen umgehen kann.

Gefühle gehören raus!
Es ist natürlich richtig, dass Eltern ihre Kinder nicht mit ihren Gefühlen belasten sollen. Sie sind nicht alt genug, um das tragen zu können. Aber zu den Aufgaben von Eltern gehört es, ihren Kindern vorzuleben, wie man mit Gefühlen umgeht. Und wenn eine Situation sie ängstig, dann müssen sie das zeigen. Wenn sie sich über etwas ärgern, dann darf das sein. Wichtig dabei bleibt nur, den Kindern zu erklären, was passiert. Und wenn mich ein Konzert zu Tränen rührt, dann dürfen diese auch über meine Wangen laufen.

Die Gefahr der Emotionslosigkeit
Eine wichtige Lebensaufgabe für Menschen besteht darin, ihre Gefühle benennen zu können. Denn nur so können sie einen Weg finden, mit ihnen umzugehen. Wächst man mit Eltern auf, die nur darauf bedacht sind, dem Kind gegenüber keine Gefühle zu zeigen, nimmt man ihnen ein wichtiges Lernumfeld. Und Kinder wollen in einem Zuhause aufwachsen, in dem laut gelacht wird, in dem bei einer gruseligen Geschichte alle große Augen bekommen oder in dem bei einem traurigen Anlass auch Tränen erlaubt sind.