Mein Bereich – Dein Bereich!

Ein Kind – und sei es noch so klein – ist eine eigenständige Persönlichkeit und hat entsprechende Rechte. Diese gilt es zu respektieren und einzuhalten. Warum? Das will ich euch anhand eines kleinen Beispiels zeigen:
Aktuell in der Grippezeit ist bei Kindern häufig eine rinnende Nase zu beobachten. Oft kommen Eltern mit dem Naseputzen gar nicht mehr nach.

Kleines Experiment
Folgende Situation: Mutter und Kind gehen in den Supermarkt einkaufen. Die Mutter steht gerade beim Obst und sucht Äpfel aus, während das Kind im Kinderwagen sitzt. Da kommt eine Mitarbeiterin des Supermarktes, geht auf das Kind zu, nimmt ein Taschentuch und putzt ihm die rinnende Nase.
Jetzt lasst uns gedanklich die Situation etwas verändern: Ein erwachsener Mann sitzt auf einer Bank im Park. Er hat beide Arme in einem Gipsverband. Er unterhält sich gerade angeregt mit einem ihm eigentlich Fremden. Da nimmt dieser ein Taschentuch aus der Hose und putzt dem Mann mit den Gipsarmen die Nase.

Was wird ausgelöst?
Wenn ihr nun diese beiden Beispiele vergleicht, welche Bilder entstehen in euch?
Üblicherweise befremdet uns die Situation mit dem Erwachsenen sehr. Wir empfinden es als übergriffig und können uns gar nicht vorstellen, dass so etwas passiert. Im Unterschied dazu ist für viele die Situation bei dem Kind normal. Aber warum eigentlich? Warum tendieren wir dazu, Kindern hinsichtlich ihres Körpers nicht die gleichen Rechte zuzugestehen wie Erwachsenen? Wir können häufig beobachten, wie Erwachsene im Vorbeigehen einem Kind einfach über den Kopf streicheln oder einem Baby im Kinderwagen die Wange tätscheln.

Respekt und Eigenständigkeit
Für die Entwicklung eines Kindes ist es von Geburt an wichtig, dass es als eigenständige Persönlichkeit respektiert wird. Und dazu gehört auch, dass Erwachsene die körperlichen Grenzen akzeptieren und vor allem respektieren. Versteht mich nicht falsch: Natürlich muss dem Kind die Nase geputzt werden. Aber den Erwachsenen, der auf Grund seiner Verletzung eingeschränkt ist, würden wir fragen, ob er Hilfe braucht. Diesen Respekt müssen wir lernen, auch Kindern gegenüber entgegen zu bringen.
Nicht nur, dass ein Kind ein Recht darauf hat, dass diese Grenze respektiert wird, es lernt auch zukünftig, dies Grenze zu verteidigen.

„Es tut mir leid!“

Es sind große Worte, die uns nicht immer leicht fallen, jedoch auch unseren Kindern gegenüber sehr wichtig sind. Eltern sind nicht perfekt. Sie fühlen sich manchmal nicht wohl, haben Sorgen oder sind einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Dann kann es sein, dass auch sie nicht in jeder Situation ruhig sind oder sich ihren Kindern gegenüber unfair verhalten. Nun stellt sich die Frage: „Wie gehe ich als Mutter oder Vater damit um?“

Zug fährt ein, Rad fällt um
Beispiel gefällig? Eine Mutter war mit ihren zwei Kindern nach einem Ausflug auf dem Weg nach Hause. Alle waren müde. Sie warteten am Bahnhof auf den Zug. Die Frau war mit dem Kinderwagen unterwegs. Das ältere Kind hatte das Laufrad dabei. Als der Zug kam, wurde die Frau hektisch. Sie fuhr ihre ältere Tochter an, sie soll endlich vom Laufrad absteigen, damit sie es nehmen kann. In der Hektik verfing sich die Jacke des Kindes am Lenkrad und alles fiel um. Die Mutter schimpfte mit ihrer Tochter, zerrte sie an der Jacke hoch und schob sie in den Zug.
Als sie alle saßen und alles verstaut war, sah sie ihre Tochter und beobachtete, wie ihre Unterlippe zitterte und die Augen ganz rot waren.

Wichtig: Größe zeigen!
Und hier kommt nun der entscheidende Punkt. Wie würden wir reagieren?
Wir können als Erwachsener weiter auf das Kind einreden, dass es doch aufpassen hätte sollen und dass es doch gesehen hat, dass sie eh schon vollbepackt waren. Oder wir wählen einen anderen Weg und entschuldigen uns. Wir nehmen das aufgelöste Kind in den Arm und erklären ihm einfach, was passiert ist. Wir müssen doch einem Kind gegenüber auch zugeben können, wenn es unser Fehler war und wenn wir nicht fair zu ihm waren. In dem angeführten Beispiel sagen wir dem Kind, dass wir gestresst waren und Angst hatten, dass etwas passiert, aber dass es nicht richtig war, so mit ihm zu sprechen.
Was das beim Kind bewirkt, ist unbezahlbar. Denn es lernt, dass Eltern Fehler machen und dass sie dazu stehen. Und es spürt selber, wie wichtig es für das Gegenüber ist, zuzugeben, wenn man im Unrecht ist.

Wir können als Eltern nicht jede Situation im Griff haben. Aber wir können unsere Reaktion danach bestimmen. Und die ist es, die unsere Kinder prägt!

Einen Moment! Ich hab’s gleich!

Ich möchte gerne eine Ergänzung zu meinem letzten Blog-Beitrag vom 2.2.2017 schreiben. Es gibt zwei wichtige Dinge in diesem Zusammenhang, die ich gerne ansprechen möchte: „Geduld“ und „Umgang mit Fehlern“.

Immer mit der Ruhe
Wenn Kinder Sprache lernen, probieren sie sie aus. Immer mehr gewinnen sie Freude an dieser Fähigkeit. Und manchmal stoßen sie dabei natürlich auch an ihre Grenzen. Da möchten sie etwas mitteilen und ihnen fällt das Wort nicht ein. Oder sie hatten gerade einen Gedanken, der ganz schnell wieder verschwunden ist. Dennoch möchten sie ihn eigentlich noch zu Ende überlegen.
Und nun kommt mein Aufruf zur Geduld!
Lassen wir als Erwachsene den Kindern die Zeit, um zu überlegen. Wenn sie ein Wort suchen, sollten wir einfach abwarten, bis sie es gefunden haben oder sie uns um Hilfe bitten. Dieses Aufbringen von Geduld ist für ein Kind unendlich wichtig, denn es merkt, dass ihm wirklich zugehört wird, und dass es den Raum für seine Erzählungen bekommt. Zudem: Wissen wir wirklich automatisch, was das Kind uns erzählen will?!

Tu schön sprechen!
Ein weiterer sensibler Punkt ist die Frage des Ausbesserns.
Ich möchte meine Überlegung anhand eines Beispiels zeigen.
An der Bushaltestelle habe ich ein Kind beobachtet, das voller Überschwang seiner Mutter ein Erlebnis mit seinem besten Freund erzählt hat. Dabei haben sich vor lauter Freude über die Geschichte in seinen Sätzen manche Worte verdreht und die Grammatik hat nicht mehr ganz gestimmt. Und die Mutter hat gelacht und nur gemeint „Wie erzählst du denn?“ Das Kind hat sie verwirrt angesehen und sich weggedreht. Die Erzählung war vorbei.

Natürlich sollen Kinder die richtigen Worte lernen, üben, sie richtig auszusprechen oder auch Sätze richtig zu konstruieren. Doch der Weg dahin ist ein sehr sensibler. Denn wenn wir als Erwachsene im Prozess des Lernens beim Kind ständig dazu tendieren, es nur zu korrigieren, dann wird es aufhören, Freude am Erzählen zu erleben.

Besserwisser
Lasst uns zum Abschluss einen kleinen Rollentausch machen: Wie ginge es uns, wenn wir in einer Unterhaltung keine Zeit zum Überlegen bekommen? Wenn das Gegenüber meint, es besser zu wissen? Oder wenn ein anderer uns auslacht, wenn wir etwas erzählen?
Die meisten von uns würden wahrscheinlich jede Unterhaltung mit dieser Person meiden. Wir können daher froh sein, dass Kinder nicht nachtragend sind und trotzdem wieder kommen und uns mit ihren Geschichten erfreuen.