Mein Kind verhält sich mir gegenüber respektlos

Neulich habe ich wieder ein Interview für den online-Auftritt von ‚Familienberatung Österreich‘, einer Initiative des Bundeskanzleramtes, Familien und Jugend, gegeben.
Den Text dazu könnt ihr hier nachlesen.

Der wachsende „Horror“ in der Zukunft

Wir haben hier auf meinem Blog die spannende Kategorie „Andere wissen alles besser“. Immer wieder mache ich in Gesprächen mit Eltern eine Beobachtung, die gut hierzu passt. Wobei ich erwähnen muss, dass dieses Verhalten nicht nur bei Eltern gegeben ist, sondern eigentlich ein Phänomen unserer Gesellschaft ist. Es ist das „Ich habe es aber schwieriger als du“-Phänomen.

Du hast ja keine Ahnung!
Ab einem bestimmten Alter wird man stets mit der Frage konfrontiert, wann man denn nun endlich Kinder bekommt. Gefolgt von der Aussage: „Genieße es noch, solange du keine hast. Wir haben ja schon welche und da ist alles viel…“ Es folgt eine Aufzählung an Schreckensszenarien und schlimmen Dingen, die dann mit einem Kind auf uns zukommen wird und die man sich jetzt naiv in der kinderlosen Phase noch gar nicht vorstellen kann. Sind dann Kinder da, dann beschreibt uns das Gegenüber, das uns schon gesagt hat, wie schwierig ein Leben mit Babies ist, dass sein Leben jetzt aber schlimmer ist als unseres. Dass nämlich Kinder wie er sie hat, viel teurer und anstrengender und ähnliches sind, als wir das jetzt erleben. Dass wir es jetzt ja noch gut haben, aber wenn wir erst Kinder in seinem Alter haben, dann…

Der Wettkampf beginnt!
Ich glaube, ihr wisst was ich meine: Es wird ein künstlicher Wettkampf in Gang gesetzt, bei wem es schwieriger, anstrengender, teurer ist.
Ähnliches können wir häufig auch im Berufsleben beobachten – nichts anderes ist ja Elternsein eigentlich auch. Auch hier entstehen Wettkämpfe darüber, wer in seinem Beruf mehr Herausforderungen, mehr Verantwortung hat. Wer mehr unter Stress steht und weniger Zeit für anderes hat.

In der Ruhe liegt die Kraft!
Ich muss gestehen, ich bin kein guter Sparringspartner für solche Duelle, da ich mich nicht auf sie einlasse. Ich habe durch sie keinen Wissensgewinn, erlebe keine Stärkung für mein Sein. Somit höre ich zwar, was der andere sagt, bilde mir innerlich meine Meinung, äußere mich aber nicht dazu. Natürlich frage ich mich, warum mein Gegenüber eine solche Diskussion in Gang setzt. Vielleicht will er einfach auch nur Anerkennung für das, was er für seine Kinder und seine Familie leistet. Das kann ich verstehen, denn danach sehnen wir uns alle. Nur ist für mich der beschriebene Weg, Anerkennung durch Abwertung, falsch.

Wir geben, was wir können!
Ich weiß, dass ihr alle – mich eingeschlossen – jeden Tag alles gebt, damit ihr und eure Kinder ein gutes Leben und eine gute Zukunft habt. Dafür zolle ich uns den größten Respekt. Aber nicht, weil der eine oder die andere es schwieriger hat, sondern einfach weil wir uns täglich unseren Herausforderungen stellen und uns damit auseinandersetzen. In guten wie in schwierigeren Zeiten…

Wieviel Härte ist erlaubt?

Anlässlich eines Artikels in der Zeitschrift „Falter“ über – juristisch noch nicht belegte – Vorgänge in der Ballettschule der Wiener Staatsoper, wird in der Öffentlichkeit die Frage diskutiert, wieviel Härte im Bereich Höchsleistungssport oder auch der Musik gegenüber Kindern und Jugendlichen erlaubt ist.

Ich bin sehr entsetzt darüber, dass hier tatsächlich eine Diskussion in diese Richtung entsteht, denn dann müssen wir uns doch fragen: „Heiligt der Zweck tatsächlich die Mittel?“ Schließlich sind wir – zum Glück – inzwischen so weit, dass die Gesellschaft sehr sensibilisiert ist hinsichtlich psychischer, physischer und sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen. Es gibt sogar Gesetze, die diese Verhaltensweisen unter Strafe stellen. Wird eine solches Verhalten richtiger, weil ein Ziel in einem bestimmten Bereich erreicht werden soll?

Niemals demütigen
Niemals dürfen Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene gedemütigt oder erniedrigt werden. Niemals dürfen sie in ihrer Persönlichkeit angegriffen und verurteilt werden. Ganz egal, hinter welcher „nur gut gemeinten“ Motivation dieses Verhalten verschleiert wird. Es ist und bleibt Gewalt!

Um Ziele im Leben zu erreichen, braucht es Motivation und es braucht Durchhaltevermögen. Das ist unbestritten. Ein Kind profitiert nicht davon, wenn ich ihm nie die Wahrheit sage. So ist es zum Beispiel auch nicht sinnvoll, beim Spielen mit Kindern die Kinder ständig gewinnen zu lassen. Natürlich werde ich mich ein wenig zurückhalten, denn es liegt ja in der Natur der Dinge, dass Erwachsene Kindern in gewissen Dingen überlegen sind – wobei ich übrigens mit Erschrecken feststelle, dass meine Kinder mich tatsächlich im UNO und im Memory ständig besiegen 😉 Oder es ist auch nicht hilfreich, wenn ein Kind mir einen Zettel mit einer an sich tollen Zeichnung zeigt, auf der aber sämtliche Zahlen und Buchstaben falsch geschrieben sind. Dann werde ich es aber nicht auslachen, es nicht erniedrigen, dass es das falsch gemacht hat. Ich werde es loben für seine Idee der Zeichnung, auch für die Ausführung des Malens, aber ich werde es durchaus darauf hinweisen, dass die Zahlen nicht stimmen.

Ein Widerspruch in sich
Es ist doch unsere Aufgabe, Kinder zu motivieren, sie zu unterstützen. Aber nicht ihnen Dinge mit Gewalt aufzudrängen. Ein Wort, das ich in einer Diskussion zu diesem Thema gehört habe und das mich erschreckt hat, ist „positiver Drill“. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Drill bedeutet Druck, bedeutet Angst, bedeutet, seine eigenen Grenzen nicht respektieren zu dürfen. Menschen, die diese Richtung vertreten, sprechen sehr schnell davon, dass das Kind doch nicht davon profitiert, wenn es „verhätschelt“ wird.

Gegenfrage: Was macht es mit unseren Kindern, unseren Jugendlichen, wenn sie gedemütigt werden? Wenn sie nur das Gefühl haben, nicht zu genügen? Die Schäden, die damit verursacht werden, stehen in keinerlei Verhältnis zu dem angeblichen Wert von ersten Plätzen oder Medaillen.

Grenzen respektieren
Es steht doch auch in diesem Bereich die Beziehung zum Kind und Jugendlichen im Vordergrund. Wenn diese gut ist und der Trainer/die Trainerin oder der Lehrer/die Lehrerin sich mit dem Gegenüber auseinandersetzt, werden sicher Ansatzpunkte gefunden, die helfen, einmal ein Motivationstief zu überwinden, ohne aber das Persönlichkeitsrecht zu überwinden. Die Grenzen eines anderen Menschen müssen immer respektiert werden!

P.S.: Erinnert ihr euch an die Pixar-Geschichte „Monster AG“? In dem Film ging es darum, dass Monster in einem Monster E-Werk Energie dadurch erzeugen, dass Sie Nacht für Nacht Kinder in ihren Zimmern erschrecken. Aus der Angst der Kinder speist sich der Energievorrat. Am Ende des Films erkennen die Monster, dass es wesentlich effizienter ist und tausendmal mehr Energie gibt, wenn sie Kinder zum Lachen bringen. Darüber sollte man einmal nachdenken, meine ich 😉

Die verlorene Normalität des Essens

In meinem letzten Beitrag habe ich mich mit dem Thema „Essen“ beschäftigt und dabei einen speziellen Aspekt beleuchtet. Ich merke jedoch, dass mich dieses Thema noch in einer anderen Hinsicht nicht wirklich loslässt, die ich heute mit euch kurz andenken möchte.

Welchen Weg wählst du?
Hinsichtlich Essverhalten gibt es viele verschiedene Philosophien. Da gibt es jene, die Nahrungsmittel mit Punkten versehen und dann nur eine gewisse Menge davon essen dürfen. Es gibt jene, die nur zu bestimmten Tageszeiten essen. Natürlich gibt es auch Bewegungen, die ganz bestimmte Nahrungsmittel völlig aus ihrem Plan streichen. Die Vielfalt ist riesig. Doch eine Richtung fehlt mir: Die Normalität und Ungezwungenheit.

Wie normal isst du?
Immer wieder stelle ich mir die Frage, wann „Essen“ den Kreislauf des Normalen verlassen hat. Eigentlich wird es von unserer Gesellschaft häufig als etwas Negatives, etwas Bedrohliches beschrieben, das uns und unserer Gesundheit ausschließlich schadet.
Natürlich wollen auch wir unseren Kindern gesundes Essen nahebringen, sie lehren, welche Lebensmittel für unseren Körper gut sind und welche nicht. Doch wollen wir ihnen auch die Vielfalt zeigen und sie darin bestärken, Dinge auszuprobieren und zu genießen. Kurz gesagt: Sich ausgewogen zu ernähren.
Diese eigentlich große Aufgabe im Bereich der Erziehung wird häufig unterschätzt und wenig wertgeschätzt. Denn es grenzt aus meiner Sicht beinahe an eine künstlerische Fähigkeit, Kindern jeden Tag – dann ja auch drei Mal am Tag – ein Essen auf den Tisch zu stellen, das schmeckt, gesund ist und Freude bereitet.

Welche Zutat steht zur Wahl?
Hin und wieder verfolge ich ganz gerne Kochsendungen und bin dann überrascht darüber, welche Art des Essens da gezeigt wird. Da werden Soßen mit ordentlich Butter oder Sahne „verfeinert“. Jedes Gebäck, jeder Kuchen wird, wenn nur irgendwie möglich, mit Schlagrahm gemacht. Die Köche und Patissiers preisen sich mit ihren Rezepten. Demgegenüber sage ich mir, dass ich es nicht verantworten könnte, meiner Familie und auch mir jeden Tag ein solches Essen auf den Tisch zu stellen. Denn bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass es eigentlich genau das Gegenteil von gesundem Essen ist.

Welcher Zugang ist richtig?
Natürlich ist auch für mich wichtig, dass Kinder sich gesund ernähren. Aber sind wir doch ehrlich: In dem Luxus, den wir an Vielfalt haben, ist das nicht so schwierig. Und wir können Kinder auch hier bei ihrer Neugierde und zunächst Unvoreingenommenheit packen und gemeinsam mit ihnen neue Zutaten und Kreationen entdecken – dadurch, dass sie die Erwachsenen in der Küche und beim Einkaufen beobachten oder noch besser, einfach auch mitmachen.

Essen kann mehr

In der letzten Ausgabe der Kirchenzeitung habe ich mich mit einem speziellen Aspekt zum Thema Essen beschäftigt.

Zu meinem gesamten Beitrag geht es hier.

Von Kindern lernen: Wenn eine Frage uns im Weg steht

Warum fällt es uns Erwachsenen eigentlich so schwer, andere um Hilfe zu fragen? Wir verrenken uns lieber den Rücken, bevor wir zugeben, dass eine zweite helfende Hand gut wäre. Oder wir arbeiten die Nacht durch, ehe wir eine Kollegin darum bitten, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen. Beispiele gibt es genug, die diese Hemmung bei Erwachsenen verdeutlichen

Das selbstverständliche Fragen
Kinder denken nicht so. Für Kinder ist es eine Selbstverständlichkeit, andere um Hilfe zu fragen, wenn sie nicht weiterkommen. Ihre Neugierde bewirkt, dass sie zunächst Dinge selber versuchen. Sie probieren unterschiedliche Wege, um ans Ziel zu gelangen. Gelingt es ihnen – aus welchen Gründen auch immer – nicht, dann fragen sie um Hilfe. Wieso auch nicht?
Manchmal sind es ältere Kinder, die etwas schon können, was das andere Kind noch nicht so gut kann. Manchmal sind es wir Erwachsene, die als Hilfesteller ausgewählt werden.

Die Wohlfühl-Rolle
In der Rolle der Helfenden fühlen wir uns meistens wohl. Es ist ein gutes Gefühl, jemandem dadurch eine Freude zu bereiten. Meistens fühlt es sich auch einfach nur selbstverständlich an, andere zu unterstützen – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. In der Geber-Rolle fühlen wir uns wohl. Nicht aber in der Nehmer-Rolle.

Die hemmenden Ängste
Es bleibt also die Frage, wieso wir Erwachsene uns hier Kinder nicht als Vorbild nehmen können. Ist es unsere Angst davor, abgewiesen zu werden? Die Angst, ausgelacht zu werden? Die Angst vor einem vermeintlichen Gesichtsverlust? Die Angst, jemandem zur Last zu fallen?
Die Motivation des Nicht-Fragens ist wahrscheinlich je nach Situation unterschiedlich. Doch sie ist immer ein Hindernis im Vorankommen. Nicht nur, weil das Problem möglicherweise nicht gelöst werden kann.

Die kindliche Weisheit
Die menschliche Entwicklung ist davon abhängig, dass Fragen gestellt werden. Nur so entstehen neue Entdeckungen. Nur so können andere Lösungswege entwickelt werden. Somit kann also gesagt werden, dass Kinder die Weisheit des „um-Hilfe-Fragens“ beherrschen, während viele von uns Erwachsenen hier noch Nachholbedarf haben und Hemmungen ablegen sollten.

Zum Nachschauen: Online-Seminar

Für diejenigen von euch, die am Dienstag keine Zeit hatten, live dabei zu sein, und diejenigen, die einfach noch einmal nachhören möchten, füge ich hier den Link zur Aufzeichung meines elternweb2go-Seminars ein.

Vielleicht haben die einen oder anderen von euch ja ein paar Anmerkungen dazu…