Von Kindern lernen: Wenn eine Frage uns im Weg steht

Warum fällt es uns Erwachsenen eigentlich so schwer, andere um Hilfe zu fragen? Wir verrenken uns lieber den Rücken, bevor wir zugeben, dass eine zweite helfende Hand gut wäre. Oder wir arbeiten die Nacht durch, ehe wir eine Kollegin darum bitten, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen. Beispiele gibt es genug, die diese Hemmung bei Erwachsenen verdeutlichen

Das selbstverständliche Fragen
Kinder denken nicht so. Für Kinder ist es eine Selbstverständlichkeit, andere um Hilfe zu fragen, wenn sie nicht weiterkommen. Ihre Neugierde bewirkt, dass sie zunächst Dinge selber versuchen. Sie probieren unterschiedliche Wege, um ans Ziel zu gelangen. Gelingt es ihnen – aus welchen Gründen auch immer – nicht, dann fragen sie um Hilfe. Wieso auch nicht?
Manchmal sind es ältere Kinder, die etwas schon können, was das andere Kind noch nicht so gut kann. Manchmal sind es wir Erwachsene, die als Hilfesteller ausgewählt werden.

Die Wohlfühl-Rolle
In der Rolle der Helfenden fühlen wir uns meistens wohl. Es ist ein gutes Gefühl, jemandem dadurch eine Freude zu bereiten. Meistens fühlt es sich auch einfach nur selbstverständlich an, andere zu unterstützen – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. In der Geber-Rolle fühlen wir uns wohl. Nicht aber in der Nehmer-Rolle.

Die hemmenden Ängste
Es bleibt also die Frage, wieso wir Erwachsene uns hier Kinder nicht als Vorbild nehmen können. Ist es unsere Angst davor, abgewiesen zu werden? Die Angst, ausgelacht zu werden? Die Angst vor einem vermeintlichen Gesichtsverlust? Die Angst, jemandem zur Last zu fallen?
Die Motivation des Nicht-Fragens ist wahrscheinlich je nach Situation unterschiedlich. Doch sie ist immer ein Hindernis im Vorankommen. Nicht nur, weil das Problem möglicherweise nicht gelöst werden kann.

Die kindliche Weisheit
Die menschliche Entwicklung ist davon abhängig, dass Fragen gestellt werden. Nur so entstehen neue Entdeckungen. Nur so können andere Lösungswege entwickelt werden. Somit kann also gesagt werden, dass Kinder die Weisheit des „um-Hilfe-Fragens“ beherrschen, während viele von uns Erwachsenen hier noch Nachholbedarf haben und Hemmungen ablegen sollten.

Zum Nachschauen: Online-Seminar

Für diejenigen von euch, die am Dienstag keine Zeit hatten, live dabei zu sein, und diejenigen, die einfach noch einmal nachhören möchten, füge ich hier den Link zur Aufzeichung meines elternweb2go-Seminars ein.

Vielleicht haben die einen oder anderen von euch ja ein paar Anmerkungen dazu…

Online-Seminar zum Thema „Bindung“

Ich darf euch noch einmal an mein heutiges online-Seminar erinnern. Vielleicht habt ihr ja Lust, vorbeizuschauen, mitzuhören oder vielleicht sogar mitzudiskutieren.
Ich freue mich auf euch!

Hier geht es zum digitalen Elterntreff!

 

 

Die Rasenmäher-Eltern – Wenn das Beschützen zu weit geht

Erziehungsstile und damit einhergehend meist auch die Eltern, werden ja immer wieder sehr gerne und sehr schnell mit irgendwelchen Bezeichnungen beschrieben. Über eine für mich neue bin ich vor Kurzem gestolpert: Die Rasenmäher-Eltern.
Kennt ihr die?

Erklärung
Es handelt sich hierbei um eine Steigerungsform der sogenannten „Helikopter-Eltern“, über die wir ja schon im Beitrag „Ich bin doch kein Hubschrauber“ vor einiger Zeit mit kritischem Auge diskutiert haben. Der mit dem neuen Begriff beschriebene Erziehungsstil meint, dass Eltern ihren Kindern sämtliche Hindernisse, Konflikte und Hürden auf ihrem Lebensweg aus dem Weg räumen, ohne dass diese sich ihnen stellen müssen.
So mischen sich diese Eltern nicht nur in die Konflikte ihrer Kinder ein, sondern sie achten darauf, dass erst gar keine entstehen. Bekommen Kinder schwierige Hausaufgaben, unterstützen die Eltern sie nicht in der Lösungsfindung, sondern erledigen die Aufgaben selber.

Hintergedanke
Ich denke, dass alle Eltern den Impuls kennen, ihre Kinder vor „Schaden“ zu bewahren. Wir möchten ihnen Schmerzen, Verletzungen und auch Frustration ersparen. Im Grunde genommen ist das ein sehr schöner Gedanke, doch müssen wir uns fragen, ob wir damit unseren Kindern tatsächlich einen Gefallen tun. Schließlich besteht das Leben immer wieder aus Hindernissen, aus Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, aus Entscheidungen, die wir treffen und dann vertreten müssen. Und auch wenn wir als Erwachsene es uns oft nicht eingestehen wollen: Auch kleine Kinder sind bereits mit diesen Dingen konfrontiert, sei es in der Spielgruppe oder mit Geschwistern oder auch mit uns Eltern.

Umdenken
Reale Gefahren gilt es natürlich abzuwenden – Rasenmäher – oder Helikopter-Eltern hin oder her. Es geht um Erfahrungen, die unsere Kinder machen sollten: gute, schlechte, herausfordernde, bereichernde. Denn sie können nur daraus lernen. Spüren sie nie die damit einhergehenden Gefühle oder Gedanken, wissen sie nicht, wie sie damit umgehen können oder wie sie bei einem anderen Mal handeln sollen, um es zu vermeiden.
Wir verschwinden als Eltern natürlich nicht. Wir sind stets in der Nähe des Kindes – ähnlich wie ein Auffangnetz, das da ist und im Notfall zum Einsatz kommt. Ansonsten aber eigentlich gar nicht spürbar ist.

Online-Seminar zum Thema „Bindung“

Heute möchte ich euch auf eine spannende Veranstaltung hinweisen:

Am 12. März 2019 darf ich wieder auf elternweb2go ab 20:15 Uhr referieren. Das Thema dieses Mal: „Bindung fürs Leben – Wie Kinder bärenstarke Wurzeln bekommen“.

Nähere Informationen zu diesem Seminar findet ihr hier.

Das Angebot von elternweb2go ist kostenlos – ich freue mich auf zahlreiche Teilnahme!

 

 

Es ist das „Danach“!

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Eltern, die vor einer Trennung stehen. Eine ihrer häufigsten Fragen ist dann: „Wird unser Kind keinen Schaden bekommen, wenn wir uns trennen?“ Abgesehen von der Formulierung, die sie dabei tatsächlich oft wählen, versuche ich ihnen verschiedene Dinge zu erklären.

Die erste Ebene
Menschliche Beziehungen sind kompliziert, egal in welcher Konstellation, denn es treffen immer unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. So kann es auch sein, dass Beziehungen zwischen Eltern nicht mehr funktionieren. Kinder sind vom Ende dieser Beziehung mindestens genauso stark betroffen, wie die Erwachsenen, außer, dass sie keinerlei Einfluss darauf haben.
Eltern ist inzwischen glücklicherweise immer mehr bewusst, dass für die gesunde Entwicklung der Kinder eine „gute“ Trennung wichtig ist. Wenn die Erwachsenen sich auf neutraler und respektvoller Ebene begegnen können, gibt es Kindern die Möglichkeit, das Positive in der neuen Familienkonstellation zu sehen.

Die zweite Ebene
Leider beobachte ich jedoch immer häufiger, dass die betroffenen Familien etwas übersehen: das „Danach“!
Die Erwachsenen und die Kinder gehen davon aus, dass, wenn die Trennung/die Scheidung vollzogen, alles geklärt ist, die größte Hürde überwunden ist. Ich komme jedoch öfter zu dem Schluss, dass das nicht stimmt. Denn für die Eltern bleiben weiterhin auf Grund der gemeinsamen Kinder viele Berührungspunkte.
So versuche ich in meiner Arbeit den Eltern zu verdeutlichen, dass es nicht ausschließlich die Trennung ist, die die Kinder leiden lässt. Merken diese nämlich, dass es ihren Eltern damit besser geht, dass Ruhe einkehrt für alle, dass sie weder Mutter noch Vater verlieren und weiterhin ihren Platz haben, können sie diese neue Situation gut verkraften und sich anpassen.
Problematisch wird es, wenn die Streitereien danach nicht aufhören. Bei jedem Besuchskontakt merkt das Kind, dass der eine Elternteil das eigentlich nicht will. Dem Kind wird subtil oder direkt gesagt, was der eine dem anderen Unsummen an Geld zahlen muss. Da werden Festlichkeiten des Kindes boykottiert, weil die Eltern sich weigern, an einem Tisch zu sitzen. Das Kind kommt in einen Loyalitätskonflikt, weil der Vater ständig kritisiert, was die Mutter macht und umgekehrt.

Langdauernde Aufgabe
Diese Beispiele und noch viele Konflikte mehr sind es, die es für Kinder nach einer Trennung unmöglich machen, zur Ruhe zu kommen und sich gut zu entwickeln.
Es muss Eltern also bewusst sein und auch bewusst gemacht werden, dass es wichtig ist, das „Davor“ einer Trennung respektvoll zu gestalten. Dass aber auch das „Danach“, das sich über Jahre ziehen kann, eine ebenso große Bedeutung für ihre Kinder hat.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Dieses Mal habe ich mich in meinem Gastbeitrag in der Kirchenzeitung mit dem Thema des Vergleichens beschäftigt.

Wer kann den oben angeführten Spruch aus dem Märchen „Schneewittchen“ nicht zu Ende bringen?!

Dieser Satz nimmt im Leben der Königin einen immer zentraleren, wenn nicht gar bestimmenden Platz ein. Ihre eigene Wertigkeit definiert sie nur noch durch den Vergleich mit ihrer Stieftochter bis hin zu deren Tod. Erst dann ist die Königin mit ihrem Sein vermeintlich zufrieden.

Bedeutung
Das Wort „Vergleich/ sich vergleichen“ hat grundsätzlich zwei Bedeutungsrichtungen. Auf der einen Seite steht das Abwägen, das Gegenüberstellen. Auf der anderen Seite steht die Kompromissbildung, die Einigung – vor allem in juristischen und konflikthaften Belangen.
Die Königin stellt sich in Konkurrenz mit ihrer Stieftochter und beschreibt damit ein in unserer Gesellschaft weit verbreitetes Phänomen. Menschen definieren sich und ihr Sein oft hauptsächlich darüber, ob sie besser sind als andere.

Übertragung
Dieses Verhalten an sich und auch in seinen Auswirkungen ist für die einzelne Person bereits problematisch. Noch schwieriger wird es, wenn Erwachsene Kinder vergleichen. Die Vergleiche können sich dabei auf verschiedene Ebenen wie das Verhalten, die Leistungen, das Aussehen oder gar die Persönlichkeit beziehen. Damit wird in den Kindern ein Gefühl genährt, das zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht vorhanden ist: das Gefühl nicht zu genügen und das Gefühl der Konkurrenz.

Entwicklung
Beide möglichen Gefühle sind für die Entwicklung eines Kindes ungünstig. Entsteht das Gefühl als Person nicht auszureichen, wird der eigene Wert, wie bei der Königin, immer nur an anderen gemessen. Das Kind entwickelt sich nicht mehr zu einem Selbst. Das Vergleichen von Kindern durch Erwachsene auf der Leistungsebene ist oft schon sehr früh zu beobachten. Da wird im Sport darauf geachtet, welches Kind früher anfängt und dann auch besser ist. Oder am Ende eines Semesters werden die Zeugnisse der Kinder präsentiert und diskutiert. Mit diesen Vorgehensweisen nehmen Erwachsene ihren Kindern die Chance, Freude an ihrem Tun zu haben und sich aus Interesse für Dinge zu engagieren.

Individualität
Das Phänomen des Vergleichens können wir auch vor unseren Kindern nicht vollständig abwenden, denn es ist in der Gesellschaft allgegenwärtig. Doch es ist unsere Aufgabe, den Kindern zu helfen, sich immer wieder auf sich selber – ihr Tun, ihr Können und ihre Persönlichkeit – zu besinnen. Schließlich sollen und wollen wir nicht alle „gleich“ sein, wie das Wort suggeriert, sondern mit unserer Individualität die Gesellschaft bunt machen.